Freitag, 11. August 2017

Mit Kescher, Sieb und Mikroskop...

...so lautet die Schlagzeile der Freien Presse vom 11.08. in der ich ganz unverhofft mit landete.

Denn ich gehörte mit zu dem bunten Häuflein, die sich einen Tag vorher, am 10.08, an der Zschopau aufhielten und dort Wasseruntersuchungen durchführten. Ja, ist eigentlich eher untypisch für meine Hobbys und Initiativen, in denen ich bin, aber auch das gibt es.
Wahrscheinlich wg. dem 25-jährigen Jubiläum der sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt (Lanu) kam dann eine Fotografin von der Freien Presse und machte da ihre Bilder und da hab ich gar nichts dagegen gehabt mal mit auf's Foto zu kommen.

Sandra Vogt, Ahmad Alsaleh, Susanne Brenner,
Jens Salvador und Nader Noori bei chemischen Untersuchungen.
Foto Claudia Dohle

Samstag, 18. März 2017

Einfluss Putin auf Trump

Nur für die eventuelle Recherche in späteren Zeiten, hier ein Link zu einem Artikel von Heike Buchter, erschienen auf "Zeit Online" am 10. März 2017.
Es geht um die Verwicklungen zwischen Russlands Geheimdiensten, Hackern und den Angriffszielen in den USA während der US-Wahl.
Sehr interessante Details werden hier genannt und ich hoffe, der Link bleibt lange gültig.

Hier geht es zum Artikel

Samstag, 31. Dezember 2016

Grundeinkommen, Automatisierung und das Märchen vom Roboter-Schlaraffenland - eine Kritik

Neulich erschien folgender Beitrag von Eric Manneschmidt auf der Webseite des Netzwerks Grundeinkommen:
 
 
In dem Beitrag ging es um die Verflechtung der Begriffe Grundeinkommen und Automatisierung in der Argumentation von BGE-Befürwortern in dem Sinne, dass diese Argumentation häufig nach dem Muster ablaufe, dass durch die Automatisierung viele Arbeitsplätze wegfallen und es deshalb als Kompensation so etwas wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen geben müsse. Diese Argumentation möchte der Autor Manneschmidt so nicht gelten lassen und kritisierte diese Argumentation mit der Kernaussage:
 
"Das ist das Ziel des BGE und zwar eines, das nicht von technologischer Entwicklung oder der Verfügbarkeit bestimmter Rohstoffe oder Technologien abhängig ist oder sein darf. Dieses Ziel – und nicht der Verweis auf eine ohnehin nur in beschränktem Maße mögliche (und vielleicht auch nicht immer wünschenswerte) Automatisierung – ist das grundlegende Argument für ein BGE."


Das zentrale Ziel des BGE ist für den Autor "Menschen die psychisch und physisch existenziellen künstlerischen, gesellschaftlichen und sorgenden Arbeiten ohne existenzbedrohende Selbstaufopferung zu ermöglichen" und diese Forderung des BGE sei unabhängig von technologischer Entwicklung.
Was zunächst einleuchtend klingen mag ist auf den zweiten Blick selber wieder zu kritisieren, was interessanterweise der Autor selber tut aber erst in der 13. und letzten Fußnote und lediglich als Ausnahme gekennzeichnet. In Wirklichkeit ist aber diese Fußnote eminent wichtig und keineswegs als Ausnahme zu betrachten sondern ein zentraler Bestandteil bei der Betrachtung des BGE, nämlich dass auch ein BGE im historischen Kontext einer technologischen Entwicklung steht und nicht unabhängig davon ist.

Hierzu ein paar Bemerkungen:
 
Wie in der Fußnote seines Artikels schon bemerkbar, hat der Autor selber zumindest punktuell erkannt, dass sowohl Geldsystem als auch Willensbildung damit einhergehen könnten, dass es globale Ausmaße benötige, die wiederum nur durch die technischen Voraussetzungen der Digitalisierung geschaffen werden können um ein BGE wirklich zu gestalten.
 
Das fängt schon ganz praktisch damit an, dass es für die Umsetzung eines BGE weiterhin elektronische Konten geben muß. Elektronische Konten, die nur mit entsprechend vernetzten Computern sinnvoll zusammen agieren können.
Damit ist sein theoretisches Beispiel einer Agrargesellschaft in der es ein Grundeinkommen geben könnte schon mal reine Gedankenakrobatik aber in der Wirklichkeit nie vorgekommen. Gern lasse ich mich eines besseren belehren aber ich glaube nicht daran und wenn doch, dann wird dies unter dem Motto "Ausnahmen bestätigen die Regel" laufen. Geschichtlich gesehen ist jedenfalls keine Gesellschaftsform bekannt, in der in großem Maßstab ein Grundeinkommen gezahlt worden wäre. Es wäre ja ohnehin erst dann möglich, wenn Geld als Tauschform entwickelt worden ist. In einfachen Jäger- und Sammlergesellschaften gab es Geld noch gar nicht deshalb fallen diese schon mal raus.
Vielleicht fällt einem das Beispiel Ojivero in Namibia ein. Dort wurden in einem Experiment 1000 Dorfbewohnern ein Grundeinkommen ausgezahlt mit positiven Effekten. Nur wurde das Geld allen persönlich gegeben, was bei 1000 Einwohnern schon einen gewissen Aufwand bedarf. Es leuchtet jedem ein wenn es um größere Städte gehen würde wie Berlin wäre es überhaupt nicht möglich alle Menschen persönlich mit dem Geld auszustatten. All dies geht nur elektronisch und deshalb ist die Technologie eine ganz entscheidende Komponente auch und gerade wenn es um die Verteilung von Geld an die Bürger geht.
 
Ein anderer Aspekt, der sich ein Stück weit mit dem Punkt "Willensbildung", den der Autor in seiner Fußnote 13 anführt, überschneidet, ist der Aspekt der Globalisierung.
Diesmal aber aus folgender Perspektive betrachtet: Die größte Angst des Menschen besteht vor dem Fremden. Alles was nicht zu ihm gehört ist fremd und erzeugt zunächst erst einmal Angst. Durch die Globalisierung aber rückt die Menschheit immer mehr zusammen. Es ist wichtig zu erkennen, dass wir historisch gesehen in einem einmaligen Zustand leben, sämtliche Kulturen und Gesellschaftsformen der gesamten Welt zu studieren und kennenzulernen. Das gab es vorher noch nie. Erst durch die Industrialisierung, Technisierung und besonders die Digitalisierung ist es möglich so viele Daten und Modelle auszutauschen, dass wir uns erstmals ein umfassendes Bild über uns und unsere Mitmenschen machen können und das wir auch tatsächlich in persönlichen Austausch beispielsweise durch Reisen treten. Was zur Folge hat, dass die Angst des Menschen vor dem Fremden abnehmen kann. Und das wiederum ist ein elementarer Schritt hin zu einem Vertrauen, dass eine Idee wie die des BGE erst ermöglicht. Denn das BGE stellt einen Vertrauensvorschuss in unsere Mitmenschen dar, der sagt, ich gebe Dir, damit Du leben kannst, das einzige, was Du tun mußt, ist, diesen Vertrauensvorschuss nicht zu missbrauchen in dem Sinne, dass Du egoistisch damit umgehst und nicht zum Wohle der Gemeinschaft handelst. (Wobei das Wohl der Gemeinschaft natürlich noch genauer zu definieren wäre). Mit anderen Worten, das Grundeinkommen steht in einem historischen Prozess nicht zusammenhanglos da sondern seine Blüte ist genau dann gekommen wenn das Vertrauen der Menschen ineinander so groß ist, dass sie sich trauen,  zu geben auch wenn es den persönlichen, familiären oder ethnischen Rahmen der eigenen Zugehörigkeit sprengt.
Dies ist erst in einer globalisierten Welt vollständig möglich so wie sie jetzt bedingt auch durch die Digitalisierung, die einstige Grenzen völlig durchlässig macht, entsteht.
Die Ängste vor dem Fremden sind derzeit deutlich in der Flüchtlingskrise erkennbar. Auch ein Aspekt der Globalisierung.
 
Ich stimme mit dem Autor vollends überein, dass Technik allein weder gut noch schlecht ist oder andersherum beides beinhalten kann und dass es entscheidend ist, was wir mit dieser Technik machen.
 
Wenn wir aber das BGE im Zusammenhang mit Automatisierung und Digitalisierung betrachten wollen dann ist es wichtig, beide Themen nicht irgendwie kausal verknüpfen zu wollen sondern sie als parallel zueinander sich entwickelnde Formen zu verstehen. D.h. Automatisierung und Digitalisierung müssen nicht zwangsläufig zum BGE führen, das ist richtig wie Manneschmidt in seinem Artikel betont, aber es wäre auch falsch zu glauben, dass Automatisierung und Digitalisierung kausal dem BGE vorangehen würden. Es ist eher so, dass Automatisierung und Digitalisierung die Produktionsformen einer Gesellschaft sind und das BGE ein Teil einer Art Vergesellschaftungssform ist. Vergesellschaftsungsform und Produktionsform bedingen sich gegenseitig und können nicht aufeinander reduziert werden. Sie wachsen und befruchten sich gegenseitig.
So kann man ein BGE also nicht auf Automatisierung gründen sondern das BGE erfüllt den gesellschaftlichen Part, der mit der Produktionsform einhergeht wie andersherum die Digitalisierung
den produktiven Part erfüllt der mit dem gesellschaftlichen Part des BGE einhergeht.
Der Autor Manneschmidt möchte zwar auch keine kausale Verknüpfung herstellen, zieht aber daraus den falschen Schluß, dass ein BGE völlig unabhängig von jeglicher technologischer Entwicklung zu betrachten wäre und das ist falsch. Damit macht er die Idee des BGE ahistorisch, reißt sie aus jedem Zusammenhang und das kann definitiv nicht sinnvoll sein.
 
So vergisst der Autor, dass auch Technologien das Ergebnis bestimmter kognitiver Leistungen der Menschen sind und in einer demokratischen Gesellschaftsform die Kreativität des eigenen Geistes viel stärker gefördert wird als in einer autokratischen wo vieles vom Staat vorgeschrieben wird. Gesellschaftsform und Produktionsform bedingen sich also gegenseitig.
 
Ein nicht ganz zentraler Kritikpunkt aber mir dennoch wichtiger ist die Argumentation bezüglich der Formen von Arbeit. Es gibt da im Moment wohl keinen einheitlichen Konsens über die Formen der Arbeit aber angeregt von dem Modell der katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) ist eine Einteilung der Arbeit in folgende drei Bereiche meiner Ansicht nach sinnvoll und sollte gültig sein für sämtliche Argumentationen wenn es um den Bereich Arbeit geht:
 
 
Dann wird deutlich, dass eher unklare Begrifflichkeiten wie sie Manneschmidt mit den Bezeichnungen "unbezahlte und unsichtbare Arbeit" als auch "Sorge- und Demokratiearbeit" verwendet besser eingeordnet werden können. Und dass seine Kritik, dass diese Arbeiten zu kurz kommen, bedeutet, dass sie im Ungleichgewicht sind. Es heißt nicht, dass Erwerbsarbeit völlig verschwindet, das behauptet kein BGE-Befürworter, der die Automatisierung und den Wegfall von Arbeitsplätzen thematisiert. Es bedeutet lediglich, dass die einseitige Fokussierung auf Erwerbsarbeit und die Ausblendung der anderen zwei Teilbereiche, die ich hier Eigenarbeit und Kulturarbeit nenne, aufgehoben wird.
Ein BGE ist genau dazu da, nämlich die Überbetonung auf den Bereich Erwerbsarbeit zurückzunehmen, indem dort zunehmend Arbeiten von Maschinen erledigt werden, wenngleich dieser Bereich nicht gänzlich von menschlicher Tätigkeit entkoppelt wird und gleichzeitig die Bedeutung von Kultur- und Eigenarbeit aus ihrem Nischendasein hervorzuholen und damit den Dreiklang dieser Arbeitsfelder neu zu organisieren.
 
Zusammenfassend und auf den Hauptkritikpunkt meinerseits, die Geschichtslosigkeit des BGE, die Manneschmidt durch seine Kritik produziert, möchte ich es noch einmal mit den Worten von Daniel Häni auf den Punkt bringen, als dieser zur langen Nacht des Grundeinkommens im Mai 2016 sagte: "Der Sozialstaat war die Antwort auf die Industrialisierung - das BGE die Antwort auf die Digitalisierung"
 

Dienstag, 25. Oktober 2016

Kultureller Analphabetismus

Gibt es einen blinden Fleck in Sachen Kultur des Islam?

Vor dem Hintergrund der neuerlichen Ereignisse um den Fast-Attentäter Dschaber Al-Bakr direkt im Herzen Sachsens scheint das Problem der mangelnden kulturellen Weitsicht der politischen Eliten so deutlich ins Blickfeld zu rücken, dass möglicherweise die gestandenen Bundestags-Politiker spätestens jetzt das Ausmaß der Flüchtlingskatastrophe aus dem vergangenen Jahr zu begreifen beginnen und sich zum ersten Mal vielleicht auch bei ihnen ein Gefühl der Angst breit macht, das Problem der Flüchtlingskrise doch nicht so in den Griff zu bekommen wie es das (nun bereits schon echt abgegriffene) "Wir schaffen das" von Frau Merkel lange Zeit suggerierte und wie es vehement immer wieder verteidigt wurde, letztens erst neulich  durch die in der Presse bekannt gewordenen und bereits im letztem Jahr getätigten Ausfällen von Peter Tauber, Generalsekretär der CDU, in dem er alle parteiinternen Merkel-Abweichler als A---löscher bezeichnete.
Es ist aber nicht nur das politische Establishment, welches hier in seinen Einstellungen zu fremden Kulturen sich stark hinterfragen muß, sondern auch Prominente, die in Funk und Fernsehen ihren Beitrag dazu leisteten eine Willkommenskultur zu modellieren, die an Heile-Welt oder zumindest an die friedliche Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland erinnerten. Angesichts der mittlerweile so offensichtlichen Probleme mit Migranten aus dem islamischen Kulturkreis, was sich bereits in gedruckter Form in dem Werk  "Wir schafffen das nicht" von Katja Schneidt, einer Freiwilligenhelferin ausdrückt, wird deutlich dass die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen ein unmittelbarer Bestandteil jeder Politik sein muß. Das gilt natürlich auch für die Flüchtlingspolitik.
Wenn man aber, leider erst im nachhinein, feststellen muß, dass die Flüchtlingspolitik, insbesondere mit der unkontrollierten Einwanderung von Menschen aus dem islamischen Kulturkreis, welches an dem Tag von Merkels Entscheidung¹ kulminierte, die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge aufzunehmen, so völlig blind gegenüber den Ankommenden und ihrer Kultur ist, dann muß man sich fragen, ob es hier nicht kulturelle Defizite in der eigenen Gesellschaft gibt. Defizite, die die Einschätzung von fremden Kulturen betrifft.
Als ausgebildeter Ethnologe mit einer entsprechenden Sensibilisierung für fremde Kulturen, kann ich die Ängste der eigenen Bevölkerung bezüglich der massenhaften Einwanderung von Flüchtlingen aus dem islamischen Kulturkreis sehr gut verstehen auch wenn ich dies nicht mit rassistischen Äußerungen oder gar körperlichen negativen Gewaltexzessen gegenüber Vertretern fremder Kulturen kundtun oder ausüben würde weil die Befähigung zu kritischem Denken die Möglichkeit gibt, sich sachlich damit auseinanderzusetzen.
Wie kann also ein Mittelweg aussehen zwischen den Gefühlsextremen von radikaler Angst und überschwenglicher Willkommenskultur. 
Ein Blick in die jüngere Vergangenheit macht es deutlich,  und gerade durch die massenhafte Verbreitung von Medien in der digitalen Welt ist dies nicht zu leugnen, dass ein Großteil der terroristischen Anschläge von Menschen begangen wurde, die entweder bereits Moslems waren oder Einheimische, die sich in einer Art Crash-Kurs radikalen Ideen aus dem islamischen Kulturraum geöffnet haben und sich so bereitwillig dem Dienst von Terror-Organisationen wie dem IS anschlossen.
Wie kann es also sein, dass dies so wenig in der hiesigen öffentlichen Debatte diskutiert wird? Ich kann mich noch erinnern, in Talk-Shows, in denen das Thema Flüchtlingskrise vorkam, ging es hauptsächlich um die Frage der Art und Weise einer guten Willkommenskultur. Ein Bernd Hoecker bspw., den ich als Comedian und Humorist sehr schätze, hatte mal in einer Talk-Show einen bildlichen Vergleich angestellt, indem er die Anzahl der Flüchtlinge mit der Anzahl der einheimischen Bevölkerung ins Verhältnis setzte und dann diese großen Zahlen herunterbrach auf eine vorstellbare Größe in dem gerade befindlichen Fernsehstudio mit seinen Zuschauern und meinte, wenn wir also rechnen, dann kommen auf die hier anwesenden 100 Zuschauer ca. 1 Flüchtling, das ist doch nicht viel, da hätte einer mehr auch noch Platz. Das könne man doch bewältigen. Genau denselben Vergleich brachte Katja Kipping, die ich ansonsten auch sehr für ihr Engagement für ein Bedingungsloses Grundeinkommen schätze, in einer anderen Talk-Show ein. Beide Male also nur der Rückgriff auf rein quantitative Maßstäbe! Wo bleibt die Qualität? Wo bleibt der Verweis auf die fremde Kultur? 
So sehr die Vergleiche von Hoecker und Kipping auch stimmen, so reichen sie nämlich alleine nicht aus! Es ist zu wenig. Was haben sie vergessen oder übersehen, weil sie einen kulturellen blinden Fleck haben? Nun, bei diesen Vergleichen muß man konsequenterweise hinzufügen, das auch nur EINE Person ausreicht um die restlichen 99 oder 100 Personen in die Luft zu jagen!!!
Das ist die Gefahr, die mit schwebt. Weil es offenbar in der Kultur, aus der diese Flüchtlinge kommen, eine kulturelle Entwicklung gab, die Selbstmordanschläge als Mittel zur Lösung von Problemen salonfähig macht.
Und noch einmal, dass die terroristische Gewalt von Moslems oder Menschen mit islamischer Radikalisierung ausgeht, ist ein Faktum, an dem keiner vorbei kommen kann, der ernsthaft eine Lösung für dieses Problem haben will.
Beispielhaft ist die Selbsterkenntnis des ägyptischen TV-Moderators Amr Adeeb, dessen wütenden Worte "Es waren Moslems!" in den Weiten des Internets Gehör fanden!
Während wir uns in Deutschland, vielleicht aufgrund der eigenen Vergangenheit so schwer tun, das Problem beim Namen zu nennen, macht es dieser TV-Moderator vor. Er klagt sie an, die eigenen Landsleute und wie ich meine zu Recht! Er zeigt die Courage, die erforderlich ist. Und wahrlich beispielhaft für die Verklärtheit des "aufgeklärten" Westens die Antworten bzw. Einwände seiner Kollegin in dem oben verlinkten Video, die am Ende auf eines hinauslaufen: auf die Rolle des Opfers! Egal wer, es sind immer nur die Opfer, mal ist der Westen dran schuld, mal die USA oder wer sonst, aber die, die diese Selbstmordanschläge begehen sind Opfer. Das ist die verkehrte Welt, die den Westen am Ende noch mehr in die Defensive bringt.
Dass es im islamischen Kulturkreis eine wachsende Zahl an Menschen gibt, die sich für eine Reform des Islam einsetzen, dass wissen wir bereits durch die vielen Fälle, in denen solchen Personen von den islamischen Radikalen die Todesstrafe verhängt wurde und selbst im Exil nur mit Personenschutz in der Öffentlichkeit auftreten können. Salman Rushdie fällt in diese grausame Verurteilung, genauso wie der Wissenschaftler Hamed Abdel Samad.

Was also muß ins Bewusstsein des Westens, in das Bewusstsein derer, die in Sachen Flüchtlingspolitik die Regeln bestimmen?

Es muß klar werden, dass es in der islamischen Welt ein Phänomen gibt, was der Journalist und Islam-Kenner Christoph Reuter in seinem Buch "Mein Leben ist eine Waffe - Selbstmordattentäter - Psychogramm eines Phänomens" als "Kultur des Todes" bezeichnete und dem Thema ein ganzes Kapitel widmete.

Mit dem Begriff "Kultur des Todes" meint er nicht etwa die Begleitung von Sterbenden in ihren letzten Stunden, was ja wünschenswert wäre, sondern diese Hingabe im islamisch geprägten Raum, einen Kampf für ein besseres Leben durch das Opfern des eigenen Lebens in Form von Selbstmordanschlägen zu führen.

Aus der Geschichte des Islam heraus skizziert Reuter den Weg, den dieses Phänomen in der islamischen Welt genommen hat.
In der Neuzeit waren es die »menschlichen Angriffswellen« im Irak-Iran Konflikt in den 80-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die das Phänomen des Selbstmords als Märtyrertum wieder in das Bewußtsein der Menschen im islamischen Kulturkreis brachte. Tausende Iraner, teils Kinder rannten mit Kalaschnikows bewaffnet als menschliche Angriffswelle auf die hinter geschützten Wällen mit Maschinengewehr ausgestatteten irakischen Soldaten zu. Ohne Schutz, dem sicheren Tod ausgeliefert aber immer mit dem Wort 'Kerbala' auf den Lippen und religiösem Eifer brachten diese Iraner am Ende die Gegner zur Verzweiflung.

Kerbala ist eine Stadt, in dessen Nähe, nach historischer Überlieferung einmal der Schauplatz eines Kampfes war, aus dessen Ausgang sich der Mythos vom gerechten Selbstmord speiste. Damals im Jahre 680 wurden ein Imam namens Hussein Ibn Ali und 72 seiner Gefährten von einer mehrere tausend Mann starken Armee niedergemacht. Der Imam war Schiite und die Geschichte erzählt, dass er seine Gefährten beim Anblick der Armee dazu drängte zu fliehen. Aber keiner wollte gehen woraufhin keiner die Schlacht überlebte. Somit war Hussein Ibn Ali und seine Gefährten die ersten Märtyrer. Dies ist die Quelle aller folgenden Erzählungen im islamischen Kulturraum wenn es um das Thema Selbstmordanschläge geht.

Die Grundidee vom Märtyrertum hatten also nach Reuter iranische Revolutionsgardisten mitgebracht.
Die weitere Radikalisierung dieser Idee erfolgte im libanesischen Bürgerkrieg.

Der von außen schwer in seiner Sinnhaftigkeit zu verstehende Selbstmordanschlag ist ein Mittel des Kampfes gegen den es praktisch keine Verteidigung gibt.

Der Einwand, der Islam verbiete Selbstmord ist auch denen bekannt, die solche Anschläge befürworten. Durch Tricks und Kniffe wird der Koran so ausgelegt, dass am Ende die Attentäter nicht gegen den Islam sondern im Sinne des Islam handeln. Der Märtyrer bestimmt die Stunde seines Todes selbst und das ist mit einigen Tricks kein Widerspruch zur Aussage des Korans, dass nur Gott und seine Engel die Stunde des Todes jedes einzelnen Menschen kenne.

In Zeiten antijüdischer Ressentiments im Nahen Osten, wozu die Israelis allerdings auch selbst mit beitrugen, wurde so ein wahrer Märtyrerkult ins Leben gerufen. In Zeitung, Rundfunk und Fernsehen bekamen Märtyrer, welche damals besonders gegen die verhassten Juden ihr Leben opferten, einen Heldenstatus aufgedrückt, der allen Lebenden als Beispiel dienen sollte. Auch um die Angehörigen der Märtyrer wurde sich gekümmert, es gab ein ganzes Geflecht an Organisationen, die ihre Dienste anboten. Das nimmt so groteske Züge an, dass Christoph Reuter in seinem Buch zu der Erkenntnis kommt: "Es scheint paradox, dass ausgerechnet jene Gruppen, die das umfassendste Sozialprogramm bieten, auch jene sind, die Selbstmordanschläge forcieren."

Solche Märtyrer werden verehrt wie der damals erst 18-jährige Bilal Fahs, was man auch auf Youtube sich anschauen kann. Typische Heldengesänge für einen, der mit einem sprengstoffbepackten Mercedes in eine israelische Patrouille raste und sein Leben opferte.
Das Märtyrer-Marketing, einst besonders unter der libanesischen Hisbollah, einer radikalen Gruppierung, entstanden, entfaltet seine Wirkung

Welche weiteren Aspekte betreffen diese 'Kultur des Todes'?
In den zahlreichen Talk-Shows, die es zu diesem Themenkomplex 'Islam', 'Terror' gab wurden zudem weitere Stichpunkte genannt, wie das patriarchale Weltbild und die damit einhergehende Unterdrückung der Frau.
Schaut man sich das Leben in islamischen Kulturen an, dann kann man es eigentlich auch nicht übersehen, das Schwarz der Niqab-tragenden Frauen. Schon die Farbe "Schwarz" wird im allgemeinen als Symbol für den Tod gesehen (Ausnahmen gibt es wie in China aber Ausnahmen bestätigen die Regel).
Wenn man sich dann aus psychologischer Sicht vorstellt, was hier geschieht, dann zeigt sich die Gefahr eines kulturellen Analphabetismus deutlich, wenn man die Zeichen nicht erkennt. Denn diese Vollverschleierung von Frauen ist die nach Außen  getragene Verdrängung des Weiblichen in konzentrierter Form. Und was Verdrängung im psychologischen Sinne anrichten kann ist verheerend. Die Selbstmordanschläge sind genau Ausdruck dieser Verdrängung des Weiblichen. Das absolut Irrationale (der absichtliche Tod des eigenen Ich's, der bewußt in Kauf genommen wird) zeigt sich in dieser Art von Kultur. Die Verdrängung des Irrationalen lässt es durch die Hintertür und mit gewaltiger Wucht wieder ins Bewußtsein zurückschleudern.

Wenn man sich jetzt klar macht, dass, und auch das wurde ja thematisiert, sehr viele junge Männer aus diesem Kulturkreis ausbrachen und in die freie westliche Welt emigrierten, dann bricht der ganze Verdrängungsmechanismus zusammen und die Folgen sind bereits sichtbar siehe Silvester in Köln, sie werden aber noch auf viel längere Zeit ein Problem darstellen.
Menschen, besonders Männer sind mit der freizügigen Darstellung des Weiblichen, wie es hier im Westen nun mal üblich ist, völlig überfordert und es wird nicht wenige geben, die sich in der ein oder anderen Form radikalisieren weil sie mit dieser Freiheit nicht gelernt haben umzugehen.

Doch in der hiesigen öffentlichen Debatte werden diese Dinge nicht ausreichend dargestellt. Stattdessen wird das Thema immer wieder in der Form übergangen, dass es hier nicht um den Islam geht, nicht um eine fremde Kultur sondern um Menschen wie du und ich und Pädophile, Rechtsextreme und Vergewaltiger gäbe es ja auch hier. Das ist das eigentlich oberflächliche und unsensible. Die Seichtheit der eigenen Kultur ist der Totengräber für die selbige. Man sieht das Problem nicht und damit ist es auch nicht existent.
So wie beispielsweise der bekannte Journalist Ulrich Kienzle als er im Februar diesen Jahres bei Markus Lanz zu Gast war und sich dahin stellte und behauptete: "DEN Islam gibt es nicht!" (bei ca. Min 34:32). Hintergrund war ein weiterer Gast von Lanz in dieser Talk-Runde mit der Islamkritikerin Sabatina James, die über die bedrohlichen Zustände ihrer eigenen Kindheit und Jugend im islamischen Kulturkreis berichtete. Kienzle bügelte das einfach  mit seiner getätigten Aussage ab und stellte auch gar keine Alternativen zur Verfügung. So wird ein Thema totgeschwiegen! ²
Kienzle scheint nicht klar zu sein, dass es bei diesem Thema einen anderen Kontext gibt als er ihn ansprechen will. Es geht um den Islam, als Beschreibung für eine der monotheistischen Religionen neben dem Christentum, Judentum oder Buddhismus. Es geht nicht um die verschiedenen Strömungen im Islam selber sondern um ein Bestandteil eines gelebten Islam in den meisten moslemisch beherrschten Staaten oder Regionen. Der Kontext bestimmt die Tiefe, in der ein Thema beleuchtet wird.
Der Fakt, dass die Islamkritikerin selbst mit dem Tode bedroht wird, existiert dann in Kienzle-ischer Logik auch nicht. Das ist das Zerrbild, was eine Spannung verursacht, die irgendwann zu einem Problem werden kann.

Oder ein anderes Beispiel dieser Oberflächlichkeit zeigte sich in der Talkshow von Anne Will zum Thema: "Der Fall Al Bakr - Ist der Staat dem Terror gewachsen" Da wird sowohl von dem syrischen Flüchtling Abdul Abbasi als auch von Katja Kipping dieser oberflächliche Spruch gebracht: Terrorismus = Terrorismus (ab ca. Minute 35), was aber von anderen in der Gruppe immerhin etwas differenzierter betrachtet wird und ausgerechnet Joachim Herrmann von der CSU hier den wichtigsten Einwand hervorbringt, nämlich dass man bei der Strategie der Terrorbekämpfung sehr wohl auf die konkreten Eigenheiten eingehen muss um eine wesentliche effektivere Bekämpfung vorzunehmen und um nicht alles "in einen Topf zu werfen" (O-Ton Hermann). Leider führt er das nicht näher aus, aber das ist die Frage, die sehr wohl einen wichtigen Blick auf die kulturellen Eigenheiten von Flüchtlingen aus dem islamischen Kulturraum aufzeigt.

Aus meiner Sicht steht der gesamte islamische Kulturraum vor einer gewaltigen Entwicklungsaufgabe. Es geht darum, sowohl den Islam als Religion als auch die Gesellschaft weiter zu entwickeln hin zu einer säkularen Gesellschaft in der Religion seine Legitimität aus einer inneren Einstellung heraus findet und nicht aus einer auf Äußerlichkeiten und auswendig gelernten Koranversen reduzierten Religion.
Es geht um die Dreiteilung der Gewalten in Judikative, Legislative und Exekutive was den Bruch mit dem Monopol eines staatlich geleiteten Islam bedeutet. Das ist eine gewaltige Aufgabe!
Das Christentum hatte die Aufklärung bereits hinter sich. Wie jeder weiß, ging dies auch nur mit größten Opfern. Es bleibt zu hoffen, dass die Aufklärung des Islam von intelligenten Menschen gesteuert wird um größere Katastrophen zu vermeiden. Das es aber immer ein schmerzhafter Prozess sein wird, dass steht auch ausser Frage.
Vielleicht bedarf es erst eines Terrorismus-Experten wie Elmar Thevesen, dass die hiesigen Entscheidungsträger wach werden, wenn sie Thevesens Buch "Terror in Deutschland" gelesen haben?
Sie hätten es schon früher wissen können. Wer sich mit fremden Kulturen beschäftigt und in Zeiten der Globalisierung tun wir dies in immer größerem Maß, dem kann die "Kultur des Todes" nicht entgangen sein.
Dann wird aus kulturellen Analphabeten endlich ein mündiger, informierter Bürger.
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¹ Zudem man auch die Frage stellen dürfte, ob so eine folgenreiche Entscheidung eigentlich nicht der parlamentarischen Zustimmung bedurft hätte und nicht nur eine alleinige Entscheidung Merkels hätte sein dürfen.
² Konsequenterweise dürfte dann auch der Islam nicht zu Deutschland gehören, denn DEN Islam gibt es ja nicht - zumindest wenn man den Aussagen von Kienzle Glauben schenken will! Aber diese Widersprüche fallen Kienzle und manch anderen Intellektuellen offenbar nicht auf.

Mittwoch, 17. August 2016

Grundeinkommen humorvoll erklärt

Hier ein schöner Mitschnitt aus einem Comedy-Programm bei der die Darstellerin Annie Hartmann auf sehr einladende weil humorvolle Art und Weise die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens näherbringt. Sehr lustig und kurzweilig. Man muß nicht immer mit der Schwere einer politischen Auseinandersetzung daher kommen, wenn es darum geht die Vor- und Nachteile einer Einführung eines BGE zu erläutern. Schön gemacht und hoffentlich bekommt sie ganz viel Resonanz. Für mich war jedenfalls klar, dass muß ich gleich in meinem Blog erwähnen. So sorge ich für weitere Verbreiterung.
 
Hier aber das Video:
 
 

Mittwoch, 3. August 2016

Chapeau an Frau Guerot!

Auf Frau Ulrike Guerot wurde ich bereits neulich in einer Talk-Sendung bei Maybritt Illner aufmerksam. Da schon trat die Gründerin und Direktorin des „European Democracy Lab“ (EDL) Berlin sehr aktiv für ein neues Europa ein und mischte den Laden der Altvorderen um Edmund Stoiber ordentlich auf.
 
Jetzt las ich nun einen Artikel mit dem Titel "Zerstört die EU" aus "Zeit Online", bei dem sie im Grunde in dasselbe Horn stößt.
Zwar etwas reisserisch in der Headline, aber was soll es, um die Aufmerksamkeit zu bekommen, die nötig ist, damit sich etwas ändert, sind vielleicht gerade solche Formulierungen wichtig.
 
Jedenfalls kann ich nur sagen, dass Frau Guerot das Problem treffend erkannt hat. Weg mit dem Europäischen Rat, ein Ding der Unmöglichkeit.
 
Treffend ihre Replik auf das merkelsche Diktat: "Scheitert der Euro, scheitert Europa" mit dem Satz: "Bleibt der Euro, wie er ist, scheitert die europäische Demokratie." Ein sehr schöner Hinweis auf die Entwicklung, die in allen Projekten nun mal auch stecken muß. Es gibt kein "immer so" sondern es gibt höchstens ein "immer etwas anderes" und das wird sich auch beim Projekt EU nicht anders verhalten. Um es weiterzuentwickeln müssen neue Strukturen geschaffen werden und wie Frau Guerot völlig richtig erkannt hat, die EU zu gründen bedeutet die Überwindung der Nationalstaaten. Genau das ist der richtige Ansatz!

Das Ende des Kapitalismus - ein Nachtrag

So, als neuer Post nun ein paar Sätze zu dem, was ich bereits in dem vorangegangenen Post schreiben wollte aber dann aufgrund des immer länger werdenden Posts dann doch auf einen neuen Post verschoben habe.
 
Es geht um einen Artikel aus "Die Zeit" vom 29.07.2016, in dem sich ein Philosoph namens Patrick Spät zum Phänomen Kapitalismus äußerte.
 
Schon die Headline des Artikels ruft zum Widerstand oder Protest auf ;-)
Es ist ein Zitat aus dem Interview, welches in Zusammenhang mit dem Kapitalismus als System geäußert wurde: "Das bedingungslose Grundeinkommen wird uns nicht retten."
 
Wie kommt der Autor zu so einer pessimistischen Einschätzung.
 
Nun, zuallererst muß man wohl feststellen, dass der Philosoph Patrick Spät eher in ein politisch linksorientiertes Profil passt. Aus den Aussagen des Interviews kann man das zumindest vermuten, jedenfalls sieht Spät optimistische Tendenzen im Arbeitskampf vor allen Dingen in der Stärke der Gewerkschaften. Das wirkt auf Digitale Natives wie mich dann doch etwas antiquiert links, ein klares Klassenkampfschema, dass es so gar nicht mehr gibt. Eine gute Zusammenfassung warum die Linke Bewegung derzeit selber mit sich zu kämpfen hat findet man in dem Artikel von Markus Liske
 
Man kann den Spruch "Das bedingungslose Grundeinkommen wird uns nicht retten" aber auch gar nicht so negativ sehen, wie man auf den ersten Blick assoziieren mag. In einem Vortrag von Enno Schmidt an der Uni Leipzig vor einigen Wochen machte Enno Schmidt deutlich, dass das BGE nur die Basis darstellen kann, nicht die Lösung an sich, aber das Fundament, auf dem eine Lösung erst möglich werden kann. Insofern kommt es darauf an, was man genau unter einem Grundeinkommen versteht.
 
Kommen wir also nun zu den Details, was mich an Späts Analyse stört:
 
Das erste was ich kritisieren würde, ist die einseitig negative Betrachtung des Kapitalismus. Kapitalismus basiert auf Ausbeutung, das kann man so sehen, aber der Kapitalismus ist eben nicht nur ein Wirtschaftssystem sondern auch ein kulturelles System und damit hat der Kapitalismus sehr viel bewirkt: Demokratie, Frauenwahlrecht, Verbesserung der Gesundheit etc. So allein negativ war das nicht. Obwohl ich Spät nicht ganz widersprechen möchte, dass der Kapitalismus besonders in den Nachkriegsjahren eine positive Auswirkung auf die Lebensverhältnisse hatte. Hier zeigte sich seine Stärke besonders würde ich formulieren. Aber es ist wie auch Spät ja im Grunde richtig erkennt, dass jedes System einen inneren Widerspruch in sich trägt, den es selber nicht lösen kann und deshalb zwangsläufig von einem neuen System abgelöst wird. Im Grunde sieht das auch Spät so, dann kann er allerdings schon allein aus diesem Grunde nicht behaupten, dass selbst die Digitalisierung dem Kapitalismus nichts anhaben könne.
 
Hier irrt Spät definitiv! Es passt aber in das Bild, was man von Spät bei der Analyse seiner Aussagen gewinnen kann. Wie schon oben erwähnt, ist Spät noch in alten Denkstrukturen der Linken mit Klassenkämpfen und Streiks und Gewerkschaften verwoben. Das wird zwar auch in Zukunft nicht ganz verschwinden aber die Art und Weise wie sich diese Kämpfe im realen äußern werden wird ganz maßgeblich von der Digitalisierung mit entschieden.
 
In dem Buch von Michael Seemann, welches ich im letzten Post etwas ausführlicher besprach, formuliert Seemann z.B. den Satz:
"Durch Wikileaks erlebten wir 2010, dass ein einzelner Whistleblower
einer Supermacht wie der USA vor aller Welt die Hosen ausziehen
kann." (S. 16, QTRL-Verlust, Seemann)
Es geht hier natürlich um Edward Snowden und seine Veröffentlichung von Daten aus den amerikanischen Geheimdienstakten.
Worauf es Seemann ankam, war zu zeigen, wie mächtig einzelne Personen werden können im Vergleich zu bisher als machtvoll akzeptierten Institutionen wie dem Staat. Voraussetzung dafür aber war die Digitalisierung der Welt. Nur durch diese Datenanhäufung durch immer geringer werdende Kosten war es möglich dieses neue Kapitel "David gegen Goliath" aufzumachen.

Wenn ich dann im Gegenzug bei Spät lese:


"Kein einziger Konsument, kein einzelner Bürger kann das System verändern. " 
dann steht das im krassen Gegensatz zu dem, was man bei Seemann lesen kann. Und ich finde, Späts Analyse ist hier einfach falsch. Weil er die Digitalisierung als neue Welt mit neuen Regeln und Gesetzen nicht erkannt hat.
Und das, obwohl er sogar selber von der Digitalisierung spricht.
Aber der Zusammenhang ist für ihn nicht klar.
Das Grundeinkommen ist nicht eine Idee um die Digitalisierung zu beenden oder irgendwie abzuschwächen sondern das Grundeinkommen ist wie Daniel Häni, einer der Gründer der Schweizer Grundeinkommensinitiative bei der letzten Langen Nacht des Grundeinkommens vom 02. Mai sagte: "Der Sozialstaat war die Antwort auf die Industrialisierung - das BGE die Antwort auf die Digitalisierung" Es sind zwei Seiten einer Medaille die hier miteinander koevolvieren, wie ich das so gern ausdrücke.
 
Auch in Bezug auf das Wissen irrt sich Spät meiner Meinung nach gewaltig. Er sagt auf die Frage, warum eine Revolution gegen den Kapitalismus ausbleibe:
 
"Weil es in den westlichen Sozialstaaten noch zu viele Menschen gibt, die der Marktlogik und deren angeblicher Alternativlosigkeit huldigen. Das hat unter anderem auch mit Wissen zu tun. Viele Missstände sind unbekannt, und die Geschichte des Kapitalismus ebenfalls."

Den ersten Teil würde ich ja noch mit unterschreiben, das hat in der Tat etwas damit zu tun, dass man so lange man im System ist, es schwer hat, eine Außenperspektive einzunehmen, von der man aus, das System aus einer Entfernung betrachten kann. Aber dass es nicht mittlerweile soviel Wissen gibt, das anzeigt, das hier völlig neue Strukturen nötig und möglich sind, dass glaube ich nicht. Und die Menschen erfahren es aufgrund der einfachen Informationsbeschaffung durch die Digitalisierung tagtäglich. Wenn man sich überlegt, was alles bereits durch die Digitalisierung ans Tageslicht kam und wieviele Menschen darüber gestolpert sind, ich erinnere nur an Guttenberg und die Doktorarbeit.

 
Und so hat man bei dem Interview mit Spät ja auch das Gefühl, dass es in sich nicht stimmig ist, weil einerseits Spät einen deprimierenden, weil aussichtslosen Kampf gegen den Kapitalismus suggeriert und andererseits trotzdem glaubt, dass der Kapitalismus sich selbst erledigen wird mit Rückgriff auf den Kampf der Gewerkschaften UND auch mit Rückblick auf die Digitalisierung. Das passt nicht zusammen und es ist Späts Beschränkung in der Erfassung dessen, was den Kapitalismus ausmacht und was die Digitalisierung mit dem Kapitalismus macht.
 
Auch seine Äußerungen zu den Besitzverhältnissen zeigen, dass er vielleicht doch mal das Buch von Michael Seemann lesen sollte. Der Modi des Eigentums wird sich ändern durch die Digitalisierung. Deshalb greift das Argument von Spät nicht, dass sich durch ein BGE die Besitzverhältnisse nicht ändern würden. Das BGE ist nicht das Instrument welches die Besitzverhältnisse ändern soll, sondern es ist die Digitalisierung, der digitale Weltenraum.
Und hier ist es eben besonders schade, wenn Philosophen solche Zusammenhänge aufmachen, die in sich nicht stimmig sind, denn nicht jeder der Menschen hat ein so reflektiertes Verständnis von all den Vorgängen in der heutigen Zeit. Schnell resigniert man in dem Wirrwarr an Meinungen, die es gibt und die gerade durch die Digitalisierung so direkt ins Bewußtsein eines jeden landen können. Dann landet man bei denen, die einfache Antworten geben weil man die versteht.
 
In einem Punkt gebe ich Spät allerdings Recht, das war auch eine starke Formulierung, nämlich als er meinte, Arbeit sei so etwas wie Religionsersatz! Genauer müsste man sagen, es handelt sich um "Erwerbsarbeit" - aber der Zusammenhang mit Religion ist durchaus ein treffender Gedanke. Durch die Entkoppelung der im Hirn von vielen so verankerten Denkstruktur von Erwerbsarbeit und Einkommen will aber nun gerade das BGE einen fortschrittlichen Ansatz in die Diskussion bringen. Deshalb ist es gerade geeignet, den Kapitalismus als System zu beenden oder wie ich lieber formulieren möchte, zu transformieren.
 
Damit möchte ich es an dieser Stelle bewenden lassen.