Dienstag, 2. August 2016

Der digitale Kontrollverlust und das Ende des Kapitalismus

Da wollte ich eigentlich seit Tagen nur einen Eintrag zum Buch "CTRL-Verlust" von Michael Seemann schreiben, da bekomme ich schon wieder einen interessanten Artikel aus "Die Zeit" vom 29. Juli in die Nachrichtenliste vom mittlerweile bekannten Michael Bohmeyer zugepostet, den ich sehr interessiert durchgelesen habe und danach das große Bedürfnis verspürte hier klar eine Gegenposition einnehmen zu müssen. Der Artikel wiederum ist von einem gewissen Patrick Spät, seines Zeichens Philosoph, ehrlich gesagt, vorher noch nie gehört aber das kann schon mal vorkommen, der jedenfalls kühn behauptete, selbst die Digitalisierung könne den Kapitalismus nicht bedrohen!
Diese Aussage jedenfalls, vertrug sich nämlich in keinster Weise mit dem, was ich vorher in dem Buch von Michael Seemann las und wie das ist, der Widerspruch reizt die Gehirnzellen und so überlegt ich kurz und kam zu dem Schluß, dass Herr Spät hier eindeutig die falschen Prognosen aufstellt und deshalb hab ich so reisserisch in der Headline formuliert "Das Ende des Kapitalismus". Es ist nicht ganz so, obwohl ich mir vorstellen kann, dass sich das viele wünschen würden, aber es ist auch nicht ganz falsch.
 
Aber der Reihe nach.
 
Zunächst zum Buch "CTRL-Verlust" von Seemann. Es war eines der Bücher, auf die ich schon länger gewartet hatte. Denn es geht um die Digitalisierung der Welt. Für mich als eher von der kulturellen Seite herangehenden Menschen war es ein drängendes Bedürfnis, die digitale Welt in ihrer Innerlichkeit bzw. in ihren Auswirkungen auf Moral und Gesetz zu beschreiben. Schon lange hatte ich die vage Erkenntnis, dass wir mit der Schaffung der digitalen Welt einen völlig neuen Weltraum betreten haben. Und wie das eben so ist mit neuen Welträumen, existieren in diesen neuen Welträumen nicht unbedingt die gleichen Gesetzmäßigkeiten wie in der Welt, in der wir leben, ich nenne sie einfach mal analoge Welt um einen Begriff zu haben, der sich von der digitalen Welt klar abgrenzt.
Nur fehlten mir dazu ein paar stichfeste Parameter, ein paar Formeln, die das ganze bildlich darstellen können. Jetzt war mit dem Buch "CTRL-Verlust" so ein Kandidat auf der Matte, der ein Stück weit Anregungen schuf, wie diese digitale Welt am besten zu beschreiben ist.
Und ich konnte einige Anregungen finden.
 
Die Essenz dieses Buches ist jedenfalls das, was der Titel schon aussagt: Kontroll-Verlust! Was meint das genau? Nun durch die Digitalisierung sind wir in weitaus größerem Maße nicht mehr in der Lage, unsere Daten zu kontrollieren. Also Daten zur eigenen Person, zum Unternehmen, zum Staat usw. usf. Die Daten sind aufgrund der digitalen Eigenschaften so flüssig, dass ich wie der Autor so schön schreibt, weder weiß, wo alles Daten von mir erhoben werden, wo diese Daten gespeichert werden, wer darauf Zugriff hat und was aus diesen Daten wieder für Erkenntnisse sprich neue Daten generiert werden. In seinen Worten:
"Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die
nicht vorgesehen waren, und offenbaren Dinge, auf die wir nie gekommen
wären." S. 38
Seemann definiert dazu drei sogenannte Treiber, die diesen Kontrollverlust hervorrufen und verstärken:
 
 "1.Die immer engere Verknüpfung der digitalen und analogen Welt,
ermöglicht durch immer mehr und immer intelligentere Sensorik.
 2. Die immer billigere Speicherung und schnellere Kopierbarkeit von
Daten, die durch beständig wachsende Kapazitäten von Leitungen
und Datenträgern möglich ist.
 3. Die sich ständig verbessernden und mit mehr Rechenkraft ausgestatteten
Analysemethoden, die immer neue Einblicke in bereits
existierende Datenbestände erlauben."
 
Nach alldem, was ich mir bisher durchgelesen habe, ist Seemann hiermit ein ganz wichtiger Schritt zur Erklärung der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen mit ihren derzeit wohl vielen so bedrohlich anmutenden Erscheinungen gelungen.
Es ist der Kontrollverlust, der die Menschen unbewußt beunruhigt und der sie momentan ganz klar zu sehen, in die Illusion von Rechtspopulisten treibt, die die gute alte Zeit herbeireden wollen. Nur wird es kein Zurück geben können, es sei denn, wir schaffen das Internet ab. Das wird kaum möglich sein. Also wird es sehr viel auf klare Analysen ankommen, die einen Weg in eine Zukunft aufzeigen können.
 
Nun mag man meinen, na, ja -klar die Daten hier und da von mir, die sind halt nicht mehr nur bei mir, aber das Ende des Kapitalismus, das verstehe ich nicht.
Um hier das ganze Ausmaß der Digitalisierung zu beschreiben ist es wirklich wichtig, seinen Blick zu weiten. Nämlich von der Privatperson zu Unternehmen und ganzen Staaten. Ein Staat wie die USA wurde förmlich in die Knie gezwungen durch eine Person, Edward Snowden und seine Veröffentlichungen. Ein Ding der Unmöglichkeit würde man meinen, nein, dank der Digitalisierung und nur dank ihr, konnte so etwas möglich sein. Der Punkt ist, dass niemand mehr sicher sein kann, nicht mal die Geheimdienste, dass die Art und Weise wie sie in der Welt agieren unter Verschluss bleibt. Es ist eine neue Art von Transparenz in die Welt gekommen, mit der wir erst lernen müssen umzugehen.
 
Und es ist wichtig seinen Blick zu weiten, was Digitalisierung für den Handel also die Wirtschaft mit sich brachte.
Ökonomisch betrachtet, fing das ganze ja mit der Musikindustrie an. Durch Tauschbörsen wurde File-Sharing möglich zwischen Menschen rund um den Globus. Die Musikindustrie pfiff auf dem letzten Loch denn es kaufte keiner mehr die CD's. und ähnliche Artikel. Es ging weiter mit den Journalisten und der Presse. Was war mit dem Urheberrecht, das eine Vervielfältigung des eigens geschriebenen Artikels nur unter Beachtung gesetzlich vorgegebener Standards möglich machte? Es bröckelte nur so dahin. Alles was digital war, konnte massenhaft kopiert werden. Wie sollte man da noch Geld verdienen, das war auch eine Frage von Knappheit, welches ein typisches Charaktermerkmal kapitalistischer Produktionsweise betrifft. All das wurde in Frage gestellt. Statt Knappheit erlaubt die digitale Welt Überfluss in nicht gekanntem Ausmaß. Auch die Post verlor im Grunde ihr Monopol. Kontakt mit anderen Menschen - das ging jetzt via Mail und zwar kostenlos!Und mittlerweile ist die Digitalisierung in noch viel mehr Bereiche vorgedrungen. Der Begriff "Industrie 4.0" illustriert den Trend, der sich wirtschaftlich abzeichnet.

Ein wichtiger Punkt warum dies möglich ist, nennt Seemann auch, wie ich meine ganz zurecht: Informationen sind nichtrivalisierend! Damit meint er, dass im Gegensatz zu physischen Gütern, ich Informationen teilen kann, ohne dass ich deshalb selber weniger davon hätte. Konkret, eine Tasse ist entweder in meiner oder deiner Benutzung, es kann jedenfalls bei einer Tasse und zwei Personen immer nur einer trinken. Aber einen Witz kann ich erzählen ohne dass ich hinterher einen weniger besitze. Und die Person, die ihn erzählt bekommt, kann ihn wiederum teilen ohne selbst etwas zu verlieren.

Welche Tendenzen zeichnen sich also ab:
Die alten Institutionen von Ämtern, Behörden, ja vllt. auch Parteien und sonstigen Vereinigungen bis hin zu gesellschaftlichen Konstrukten wie dem Nationalstaat werden an Bedeutung verlieren. Bedeutung, die sie innehatten, weil sie die Kontrolle über Informationen hatten.
In Zukunft werden diese alten Institutionen abgelöst, zumindest in ihrer Bedeutung zurückgedrängt von neuen Institutionen im digitalen Bereich, Seemann nennt sie Plattformen und meint damit nichts anderes als all das, was wir im digitalen Bereich kennen wie Internet, Google, Facebook etc. pp. Der Charakter der Plattformen jedenfalls ist der, dass diese nur die Infrastruktur zur Verfügung stellen und die eigentlichen Nutzer in direkter Kommunikation miteinander agieren. Seemann unterscheidet zwischen offenen und geschlossenen Plattformen und verweist darauf, dass zwar Plattformen wie Facebook geschlossen sind, man muß sich vorher anmelden, innerhalb der Plattform aber agieren die einzelnen Nutzer dezentral in lockeren Verknüpfungen und Ende-zu-Ende Kommunikationen.

Natürlich wird durch Plattformen wie Facebook auch ein neues Problemfeld eröffnet, denn es ist klar, dass solche Plattformen einen bedeutenden Kontrollgewinn haben, nur die Besitzer von Facebook haben Zugang zu allen Nutzern. Und Seemann erwähnt auch den Facebook-Filter-Effekt, den ich bereits in einem früheren Post kommentierte, nämlich die Gefahr, dass durch die Einkreisung der eigenen Vorlieben schnell eine Wirklichkeit generiert wird, die sehr harmonisch aussieht aber in Wirklichkeit gar nicht so existiert. Man hat nur gefiltert und damit vieles ausgeblendet. Hier kommt noch ein sehr schönes Argument mit zum tragen, welches die Problematik erst deutlich werden lässt. Zwar bin ich einerseits selbst für die Erfassung von neuen Kontakten und Seiten also Informationen verantwortlich, selektiere also schon aufgrund meiner eigenen meist nicht mal wirklich bewußten Präferenzen, aber gerade im Fall von Facebook wird mir ein Informationsfeld angezeigt, das nicht nur auf den eigenen Vorlieben beruht sondern durch Algorithmen gesteuert wird, die von Facebook selbst geschaffen wurden. Ich werde also ein Stück weit fremdgesteuert. Hier wird es also in Zukunft darauf ankommen, wie auch der eigentliche Nutzer in die Entscheidungsprozesse der Plattformen mit eingebunden wird. Es wird nötig sein, dass Plattformen wiederum mehr Verantwortung übernehmen. Oder wie Seemann schreibt:

"Twitter, Facebook und Google
müssten die Kriterien offenlegen, nach denen sie Kontrolle ausüben." S. 209
 Seemann stellt, vielleicht wie einst Luther an die Schlosskirche zehn Regeln auf, die als Thesen formuliert, das neue Spiel charakterisieren sollen. Diese 10 Thesen aus dem Inhaltsverzeichnis kopiert sind:


0 – Es gilt das Neue

1 – Du kannst das Spiel nicht gegen den Kontrollverlust spielen

2 – Die Überwachung ist Teil des Spiels

3 – Wissen ist, die richtige Frage zu stellen

4 – Organisation und Streit für alle!

5 – Du bist die Freiheit des Anderen

6 – Macht hat, wer die Plattform kontrolliert

7 – Staaten sind Teil des Problems, nicht der Lösung

8 – Datenkontrolle schafft Herrschaft

9 – Der Endgegner sind wir selbst

Jetzt auf alle Thesen einzugehen würde den Rahmen des Artikels sicher sprengen, ich kann mir aber vorstellen, in neuen Posts Stück für Stück die ein oder andere These aufzugreifen.

Ein paar Bemerkungen aber möchte ich noch loswerden.

1. Das Buch selbst ist in digitaler Form frei verfügbar. Der Link ist oben angegeben, dann auf der Seite einfach schauen, es gibt die Möglichkeit es als PDF anzuschauen, usw. Warum ich das erwähne, ist genau der Punkt, um den es im Grunde Seemann die ganze Zeit geht, die Digitalisierung und der damit einhergehende Kontrollverlust. Er ist sich dessen klar bewußt und geht so die Schritte, die in einer digitalisierten Welt eher von Erfolg gekrönt sein werden. Er finanzierte das Buch über Crowdfunding, was selber wiederum nichts anderes ist als eine Plattform, die eine Ende-zu-Ende-Kommunikation ermöglicht usw. Er bietet das Buch digital an, damit es nicht über Umwege sowieso wieder im digitalen Raum als "Raubkopie" umhergeistert. Das finde ich konsequent zu Ende gedacht.

2. Seemann hat eine schöne Formulierung hinsichtlich der Beschreibung von Eigentum in der digitalen Welt konstruiert:

"Die Verdatung der Welt hebt das Eigentum nicht auf,
aber sie bietet eine neue Schnittstelle an, welche die Rivalität der
Dinge verringert und dadurch die Modi ihrer Nutzung verändert." S. 116
Das fand ich eine sehr gelungene Umschreibung und zwar weil ich mit einem anderen Text haderte, es geht um das Buch von Ilias Braun "Grundeinkommen statt Urheberrecht" - zwar kommt der Autor Braun auch zur Quintessenz dass ein Grundeinkommen eine Möglichkeit wäre, die neuen Formen des Austauschs gesellschaftlich akzeptabel zu machen, (im übrigen erwähnt auch Seemann das Grundeinkommen positiv - S. 218), aber auf dem Wege dahin, macht Braun in einem Kapitel einen für mich etwas unglücklichen Argumentationsstrang auf, mit dem ich so nicht richtig zufrieden war weil er am Ende auch nicht ganz richtig war. Aber worauf Braun zunächst hinaus wollte, war, dass Argument zu entkräften, es würde sich bei den Gütern im digitalen Raum um immaterielle Güter handeln, die deshalb nicht den Regeln der analogen Welt gehorchen. Das ist nämlich die Meinung der Digital Natives und auch meine Meinung. Deshalb war ich verwundert, dass Braun dagegen argumentierte. Aber durch die Formulierung bei Seemann bin ich auf die Lösung gekommen. Braun argumentiert insofern falsch, als das er unbewußt behauptet, dass Leute wie ich behaupten würden, es könne im digitalen Raum gar kein Eigentum geben, das aber bedeutet es eben gar nicht, wenn man sagt, dass es im digitalen Raum immaterielle Güter gäbe sondern es ist wie Seemann es hier formulierte eine neue Art von Eigentum!!! Das verträgt sich dann auch gut mit meinem ohnehin immer vorhandenen integralen Hintergrund. Denn auch da geschieht Entwicklung meist durch die Differenzierung, Transformation und Integration von Dingen, nicht dadurch, dass etwas einmal da ist und auf der nächsten Entwicklungsstufe nicht. Obwohl es auch solche Dinge gibt (siehe moralische Entwicklungslinie - aber das ist hier nicht gefragt) aber in dem Falle des Begriffs Eigentum ist dies sehr gut anwendbar. Der Modi des Eigentums ändert sich! Sehr schön formuliert!
Seemann schreibt auch, dass die unter dem Begriff "Share-Economy" gefassten digitalen Wirtschaftsarten, die "Plattformwerdung" des Eigentums bedeuten. Also dieser neue Modi von Eigentum wird hier sehr deutlich herausgearbeitet.
Seemann benutzt dann noch einen etwas technischen Begriff mit dem ich bisher nicht so vertraut bin, nämlich Iteration, er schreibt, "das Eigentum verschwindet nicht - es iteriert" was ich jetzt noch nicht so ganz nachvollziehen kann, aber das wird mir sicher noch klarer werden im Laufe der Zeit.

3. Die Verwendung des Worts "Spiel"

Ob sich Seemann da jetzt so bewußt war bei der Verwendung dieses Ausdrucks, ich fand das sehr gelungen weil ich das Wort "Spiel" in einer eher spirituellen Art verwende. Im Sinne eines Denkens, dass davon ausgeht, dass alles, was hier auf Erden sich abspielt, Teil einer gewaltigen Illusion, aber eben einer täuschend echten Illusion ist. Wie schon die alten Inder mit dem Wort "Maya" aufzeigen wollten, ist dieses Leben hier eine Illusion, ein Spiel. So als ob der eigentliche Akteur hinter dem Fernseher sitzt und wir die Akteure im Spiel nach den Anweisungen dieses Akteurs zu Werke gehen. Ich halte diese Vorstellung für äußerst wichtig, da sie weitreichende Folgen hat. Aber bei Seemann liest man verständlicherweise wenig von spirituellen Dingen, er wird den Begriff wohl eher von der digitalen Welt der Spiele abgeleitet haben. Was mir aber durchaus gefällt. Denn durch dieses Wort "Spiel" wirken die anstehenden Vorgänge und Transformationsprozesse leichter, als wenn irgendwelche ideologiebelastenden "-Ismen" wieder aufgebaut werden. Jedenfalls für den Anfang ist das ganz in Ordnung zur Beschreibung der neuen digitalen Welt.

So, nun habe ich erst mal die wichtigsten Dinge zum Buch von Michael Seemann geschrieben. Ich kann es wärmstens empfehlen. Klar, die integralen Gedankenkonzepte fehlen mir noch, aber vielleicht ist das ja der Part, den ich übernehmen muß.

Jetzt ist es aufgrund der Länge vielleicht etwas ermüdend die Argumentation, die nun noch folgen sollte, anzuschließen. Ich wollte ja noch etwas zu dem Artikel des Philosophen Spät unter Berücksichtigung der hier vorgetragenen Erkenntnisse und weiteren Bemerkungen notieren, aber ich glaube, das wird dann der zweite Teil in einem neuen Post werden! In Kürze sozusagen folgt das Ende des Kapitalismus ;-) Wir vertagen das nur!


Freitag, 29. Juli 2016

Mr. Dax für ein Grundeinkommen

Dirk Müller, der bekannte Börsenexperte aus Funk und Fernsehen, auch Mr. Dax genannt, hat in einem seiner letzten Statements ausdrücklich die Initiative der Schweiz zur Volksabstimmung über die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens gelobt.
Zwar muß man etwas vorsichtig sein, wenn man Helikoptergeld und Bedingungsloses Grundeinkommen in einem Atemzug erwähnt, dennoch zeigt dieses Statement, dass das Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen" in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und nicht mehr ein Randthema für träumerische Utopisten.



Auch die Frage, ob uns die Jobs ausgehen ist sicher immer wieder eine Diskussion würdig. Bei einem Gespräch mit Sascha Liebermann, seines Zeichens Professor für Soziologie, sprach dieser sich dafür aus, dieses Argument eher nicht an vorderster Stelle zu platzieren, da es möglicherweise seine Wirkung nicht so entfalten wird wie man annimmt da es doch wieder genügend Jobs geben könnte. Aber das letzte Wort ist hier sicher noch nicht gesprochen. Denn das Stichwort "Digitalisierung" bringt hier noch mal einen ganz neuen Schub in die Diskussion. Zeigt sich die Entwicklung des Abbaus von Arbeitsplätzen in einer exponentiell ansteigenden Kurve? Exponentiell hervorgerufen durch die Digitalisierung? Denn mit dem Aufkommen der digitalen Welt ist in der Tat ein völlig neuer Weltenraum erschaffen worden, dessen Gesetzmäßigkeiten wir gerade erst beginnen zu begreifen.

Montag, 25. Juli 2016

Das Leben wird komplizierter - und das ist schön...

...schrieben die Autoren des Spiegels in der Ausgabe 6/2016 am Ende eines Artikels auf Seite 20, bei dem es eigentlich um die neuesten Entwicklungen bei der AfD und die allgemeine politische Situation im Januar 2016 in Deutschland geht.
Da wird mit Recht auf die sehr aggressiven bis rassistischen Tendenzen innerhalb der AFD hingewiesen. Sei es bei Frontfrau Frauke Petry oder anderen Verantwortlichen wie André Poggenburg, Landeschef der AfD Sachsen-Anhalt.
Da wird mit Recht auf die zunehmende Radikalisierung innerhalb Europas hingewiesen, ob in Polen, Frankreich oder Holland oder erst recht mit Großbritannien. (Das war noch vor dem Brexit!).
Also alles sehr klar und detailliert geschrieben um dann zu einer Schlußfolgerung zu kommen, die an Dummheit kaum zu überbieten ist, vor allen Dingen wenn man vorher doch mit ansprechendem Niveau argumentiert hat.
Hier die Formulierung im Original:

Flüchtlinge werden weiter kommen, Kulturen und Religionen mischen sich, deutsche Familien sehen anders aus als vor 40 oder 50 Jahren, das Liebesleben ist mannigfaltig und eigensinnig - die deutsche Wirklichkeit wird komplizierter, und warum auch nicht? Die meisten Menschen kommen gut damit zurecht, unser Leben heute ist freier, sicherer, gesünder und in den meisten west- und ostdeutschen Städten schöner als noch vor 30 Jahren.
Als Autoren werden leider mehrere Namen angegeben, ich schreibe sie jetzt notgedrungen alle auf, weil ich ja nicht weiß, von wem nun genau diese Sätze kommen. Melanie Amann, Matthias Bartsch, Jan Friedmann, Nils Minkmar, Michael Sauga, Steffen Winter.

Vielleicht lag es ja genau daran, dass die eine Hand von der anderen bei der Produktion des Artikels nicht wußte, was sie schrieb. Zumal das Zitat der vorletzte Absatz des gesamten über mehrere Seiten geschriebenen Artikels war. Vielleicht mußte einfach nur noch etwas Füllstoff her und so hat man sich einfach in hohlen Phrasen ausgeweidet, vielleicht mußte es ja auch schnell gehen, der Redaktionsschluß nahte, oder, oder...

Dennoch erwartet man von einem Organ wie dem Spiegel Qualität und das war definitiv weit weg davon.

Gehen wir es also mal der Reihe nach durch.

- Flüchtlinge werden weiter kommen

Ja, sicher. Aber ohne Angabe einer Menge ist diese Aussage sinnlos. Da wurde im Text genau einen Absatz vorher extra darauf hingewiesen, dass es vielleicht der Regierung darum gehen sollte, die Zahl der Flüchtlinge zu drücken um ein Argument der AfD zu entkräften und dann schreibt man so einen Nonsens. Es ist eben genau diese Frage nach der Menge, die entscheidend ist. Ja, Flüchtlinge hat es immer gegeben, wird es auch immer geben. Aber es ist die Frage wieviele auf einmal sich wohin begeben. Deshalb sind solche Allgemeinplätze Quark. Aber das ist noch nicht das schlimmste.

- Kulturen und Religionen mischen sich

Ja, sicher. Die Spanier haben damals das Christentum nach Lateinamerika gebracht, die Exil-Engländer in den späteren USA ebenso das Christentum den nordamerikanischen Ureinwohnern. Jeder weiß, dass dies nicht so friedlich über die Bühne gegangen ist, wie man das sich wünschen würde. Über die ganzen Probleme und Verwerfungen brauche ich nicht zu diskutieren, es ist jedenfalls an Naivität kaum zu überbieten, wenn man solche Allgemeinplätze formuliert, dass sich Kulturen und Religionen einfach so mischen. Das haben sie noch nie getan. Das war durchaus oft mit viel sozialem Sprengstoff versehen.

- deutsche Familien sehen anders aus als vor 40 oder 50 Jahren.

Ja, sicher. Ich sehe auch anders aus als vor 40 oder 50 Jahren. Das ist doch nicht die Frage. Die Frage ist, ist die Veränderung, die stattfindet normal oder krank!!! Das ist eine Frage nach Qualität. Was ein Stück weit Differenzierung voraussetzt. Wenn ich mich verändere und weiße Haare bekomme, ja dann ist das wohl normal im Alter. Wenn ich aber irgendeine Hautveränderung bekomme, die auf eine Krankheit hindeutet, dann ist das sehr wohl nicht normal sondern krank.

- das Liebesleben ist mannigfaltig und eigensinnig

Gut, darüber lass ich mich nicht weiter aus, weil ich auch nicht verstehe, was so eine Formulierung überhaupt in einem Artikel, in dem es um die AFD und die Politik geht, soll.

- die meisten Menschen kommen gut damit zurecht

Jein! Es gibt sicher eine große Anzahl an Menschen, die zu Multikulti ein entspanntes Verhältnis haben. Aber das alleine reicht ja nicht zur Bewältigung der aktuellen Flüchtlingsproblematik. Wenn tausende Flüchtlinge unkontrolliert ins Land kommen, die zudem aus einem Kulturkreis kommen, der krank ist, dann ist es auch naiv zu glauben, das wir damit gut zurecht kommen könnten indem wir einfach so weiter machen wie bisher. Deshalb wird die Anzahl der Menschen, die damit zurecht kommen immer weiter sinken! Dass das die Spiegel-Autoren nicht sehen, ist eigentlich schlimm und eben ein Zeichen von Verdummung!

- unser Leben heute ist freier

Ha, ha...das ist wirklich die Spitze an Dummheit, die sich die Autoren haben einfallen lassen. Das war auch der Grund, warum ich an diesem Zitat so hängen geblieben bin.
Also wer so was schreibt in einem gesellschaftlich etablierten Organ wie dem Spiegel, der ist für mich nicht zurechnungsfähig. Wie kann man so etwas schreiben, in einem Land, in dem HartzIV "offener Strafvollzug" bedeutet (Originalton von Götz W. Werner, dm-Drogerie-Chef) Hier werden massiv Grundrechte verletzt.
Wie kann man so etwas gerade gegenüber der jungen Generation behaupten, die nichts von der Rente mehr haben wird, die sich von einem befristeten Verhältnis zum nächsten hangelt um dann zwischendurch wieder in die Mühlen von HartzIV zu geraten. Der Witz ist, grade mal 4 Seiten weiter in dieser Spiegelausgabe auf Seite 24 wird in einem kurzen Nachrichtentext darüber informiert wie ausgerechnet die Bundesregierung vermehrt prekäre Jobs schafft!!! Und das ohne erkennbaren Grund.
Wie kann man das schreiben, wo doch die Gesellschaft gerade in den letzten Jahren immer mehr ausgepresst wird, indem dem Bürger die Schulden von ganzen Banken oder Staaten aufgelastet wird.
Wie kann man so was schreiben, wenn immer mehr rechtsradikale Vorfälle zu verzeichnen sind. Also das ist wirklich Blödsinn hoch drei. Ich kann es nicht anders nennen.

- unser Leben heute ist sicherer

Ja, ganz bestimmt mit der unkontrollierten Zuwanderung von Flüchtlingen aus kranken Kulturen ist unser Leben heute sicherer. Sieht man ja an den vielen tollen Aktionen derzeit (München, Würzburg), wahrlich eine Bombenstimmung herrscht hier.

- unser Leben heute ist gesünder

jein. Sicher ist vieles durchaus lobenswert. Aber in Zeiten der Globalisierung drohen neue Gefahren von multinational agierenden Konzernen wie Monsanto und deren Wunsch, Glyphosat weiterhin zu verwenden. Auch die ganzen geplanten Freihandelsabkommen sind nicht automatisch ein Garant für ein gesünderes Leben.

- die Städte sind schöner als vor 30 oder 40 Jahren

ja, da würde ich mit zwar einigen Abstrichen aber prinzipiell ausnahmsweise zustimmen. Es ist viel getan worden zumindest in den Boom-Regionen wie Leipzig, wo ich nun mal wohne. Da ist wirklich sehr viel zum positiven hin passiert und die Stadt wirkt aufgeräumter denn je und das ist auch ein Verdienst der letzten Jahre. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen soll, das auch viel architektonischer Mist gebaut wurde.

Das waren also mal die Aufzählung der einzelnen Aussagen, die in einem Satz zusammengeführt wurden und ich glaube, soviel Dummheit in einen Satz zu bringen ist sagenhaft. Jetzt braucht man sich eigentlich auch nicht zu wundern, wenn solche Organe wie der Spiegel zur Lügenpresse abgestempelt werden. Also wenn man so blind ist, dann ist da wohl wirklich was dran. Es ist aber nicht so, dass vorsätzlich gelogen wird beim Spiegel, das würde ich den Herren und Damen gar nicht unterstellen. Nein, es ist schlicht und ergreifend Dummheit, die dazu führt, dass sich die Redakteure in verweichlichten Allgemeinplätzen verlieren.

Ja, das Leben wird komplizierter, den Eindruck haben sicher viele Leute, aber das ist eben gerade nicht einfach so schön, das muß man schon erst mal bewältigen können. Und manches was komplizierter ist müsste nicht komplizierter sein aber es ist so und deshalb überhaupt nicht schön. Also wirklich, so einen Quark zu schreiben, da müssten die Redakteure eigentlich an alle Leser des Spiegels eine Entschädigung zahlen.

Montag, 27. Juni 2016

Nach dem Brexit...

Wie zu erwarten war, ist durch den Ausgang des Referendums in Großbritannien von einem Tag auf den nächsten nichts mehr so wie es mal war. Die Bedeutung dieses Ereignisses wird man sicher wie meistens erst in der späteren Betrachtung richtig einschätzen können aber wenn schon die BILD in ihrer Samstag-Ausgabe das Deckblatt komplett mit einem Riesendruck mit diesem Thema besetzt, dann zeigt das, wie tief dieser Einschnitt in der Entwicklung Europas (O-Ton Merkel) geht.

 
Über reichhaltige Diskussionsrunden danach konnte man sich jedenfalls nicht beklagen und oh welch Wunder, auch am Sonntag zum Presseklub konnte es selbstredend kein anderes Thema geben als den BREXIT.
 
Ich hatte den Anfang verpasst und schaute mir deshalb diesen etwas später auf Youtube an. Dankenswerterweise wurde es ja da hochgeladen, was ich sehr praktisch fand.
 
Aber die Stelle, die mich persönlich so aufregte, hatte ich schon am Sonntag gehört.
 
Es ging um das Statement von Herrn Peter Krause zur Emotionalität und EU.
 
Die Frage war, ob man die EU wieder lieb haben kann, wie die BILD-Zeitung es schrieb.
 
Nun kann man sicher über die Wortwahl der Redakteure bei BILD etwas schmunzeln aber das Thema an sich ist deswegen keineswegs so kindergartenhaft wie es erscheinen mag.
 
Die echauffierte Geste von Krause jedenfalls war m.E. völlig unnötig. Und mehr noch, genau seine Worte zeigen im Grunde, dass gerade er irgendwie nicht verstanden hat, um wieviel mehr es bei dem Projekt EU geht.
Hört man seinen Worten zu, dann sei die EU ein reines Vernunftprojekt, mehr noch, ein reines Nutzenprojekt. Unglaublich, so eine reduktionistische Sicht auf ein System zu haben. Und das ist nun der ARD-Korrespondentenchef. Ich verstehe das wirklich nicht.
...Die Leute sollten doch ihr Hirn einschalten und überlegen, was ihnen die EU nutzt... Damit schlägt er genau in dieselbe populistische Schiene wie die, die er möglicherweise kritisiert, die er für mitverantwortlich hält für den Ausgang des Referendums.
 
So was zu sagen verbietet sich eigentlich auf dem Niveau eines Chefs eines öffentlich-rechtlichen Senders.
Er ist auch schlecht beraten, wenn er solche Zitate benutzt wie das von Heinemann, der, wie er meinte, gesagt hatte, dass er seine Frau liebe, aber Deutschland???
Ebenso mit der naiven Annahme, Politik sei ein Vernunftgeschäft. Ich weiß zwar nicht, woher er das hat, aber es ist so ein typischer Ausdruck von völliger Emotionslosigkeit.
Ist das noch menschlich??? Nein.
 
Und was ist daran gefährlich? Es ist dieses Negieren von Emotionen, von dem was man das Irrationale nennt. Da aber Emotionen definitiv zum Menschen dazugehören, jeder Psychologe würde hier wohl 100%-ig zustimmen, kann man es nicht einfach wegreden. Es ist immer da. Wenn man es aber so wie Herr Krause wegrationalisieren will kommt es durch die Hintertür zurück. Und DAS ist noch viel gefährlicher als das was sich Herr Krause vorstellen kann.
 
Die Zeiten des 3. Reiches waren auch ein Ausbruch des Irrationalen weil vorher allein im öffentlichen wie privaten Diskurs das Rationale sich zwanghaft ausbreitete. Und das war ein Fehler! Wollen wir das noch mal?
 
Also in diesem Sinne kann ich nur davon abraten, keine Emotionen in der Politik oder beim Projekt EU zu zulassen. Statt sie also zu negieren, wäre es viel besser, zu lernen, wie man mit den Emotionen umgeht!
Selbstverständlich muß ein Mensch eine irgendwie geartete Emotionalität zu Europa entwickeln können. Das macht er ja sowieso jetzt auch schon, aber die ist sehr, sehr negativ! Warum? Weil man bisher von offizieller Seite her, Emotionen wenig Beachtung schenkte. Es ist wirklich zum Verzweifeln, dass dieser Fehler hier wieder von einem Menschen mit Verantwortung in der Öffentlichkeit gemacht wird. Das hat mich innerlich sehr aufgeregt.

Freitag, 24. Juni 2016

BREXIT!!!

Das war heute morgen aber doch eine faustdicke Überraschung für mich, als ich grad noch so im Radio vernahm, wie in den Nachrichten das Voting der Briten gegen Europa durchgegeben wurde.
Hoppla, da entkam auch mir ein Ausruf der Überraschung.
 
Gestern abend konnte man ja noch nicht viel erahnen, ich sah kurz nach 24.00 Uhr noch auf ARD das Nachtmagazin und es wurde dort schon fleissig rund um das Thema geredet und Beiträge gesendet. Aber so allgemein schätzte ich die Lage ähnlich wie die Diskutanten bei der Polit-Talkshow von Maischberger am Mittwoch abend ein, nämlich, dass der Brexit knapp aber eben doch noch abgewendet wird. Besonders stimmte ich mit Anja Kohl überein, die so wie ich dachte, dass der Mord an der EU Befürworterin Cox noch einmal die Massen, die Unentschlossenen wachgerüttelt und mobilisiert hat und deshalb die PRO-EU-Leute am Ende gewinnen werden.
So schaltete ich dann den Fernseher aus und begab mich zur Nachtruhe.
 
Aufgrund der Wärme konnte ich allerdings nicht gut schlafen, ich mußte die Balkontür in der Nacht offen lassen, damit es überhaupt etwas auskühlte, was aber den Nachteil hat, dass der Strassenlärm dann in die vier Wände dringt und leider Gottes ich an einer durchaus befahrenen Straße wohne.
 
Ich wachte dann bereits so kurz nach 5.00 Uhr mit leichten Kopfschmerzen wieder auf und beschloß erst mal auf Toilette zu gehen. Überlegte noch, den Fernseher anzumachen und schon mal zu gucken aber sagte mir dann doch, neee, warte mal lieber noch.
Stattdessen fand ich den Raum dann wenigstens halbwegs gut gekühlt und so schloß ich die Balkontür, krabbelte wieder ins Bett und war aufgrund der jetzt vorhandenen Ruhe in der Tat noch mal in Morpheus Armen.
 
Dann aber brach das Licht der Sonne ins Schlafzimmer und die Wärme wurde auch unerträglich, 30 Grad bereits im Zimmer, das ist nicht wirklich angenehm um noch weiter zu schlafen. Also aufgestanden und schon mit Neugier das kleine Plasteradio im Bad angeknipst. Und tatsächlich just den Moment erwischt, in dem die Nachrichten vom Ausgang des Brexit-Referendums durchgesagt wurden. Darauf folgte der Ausruf der Überraschung wie oben bereits geschildert.
 
Na, nun war ich aber echt munter! Im Bad Radio lief Radio-Leipzig und da ging es dann ums Wetter, das wollte ich nicht weiter wissen. Ich schaltete das Radio im Wohnzimmer ein, da läuft im Moment Radio R-SA, aber da brachten sie was von Böttcher's Hochzeitsjubiläum, boah, neee, das wollte ich jetzt auch nicht wissen.
Also blieb mir dann doch nur der Weg zum Fernseher. Ich entschied mich für Phönix und so verlief dieser Morgen in einer völlig ungewohnten Situation, ich frühstückte während der Fernseher lief, das kommt eigentlich so gut wie nie bei mir vor. Aber das Thema war einfach zu spannend.
 
Ja, nun konnte man Reaktionen sehen und Einschätzungen von Experten und Politikern anhören. Und dass das Thema wirklich elementar war, merkte man daran, dass Phönix den ganzen Vormittag über nur dieses Thema ausstrahlte. Normalerweise übertragen sie ja Bundestagsdebatten aber das war diesmal anders. Das fand ich auch ganz gut, denn mich interessierte natürlich nun die Reaktion der Brexit-Befürworter und der Brexit-Gegner als auch die Reaktionen der EU-Politiker um Schulz und Tusk und natürlich das Statement der deutschen Bundeskanzlerin.
 
Alles in allem ein historischer Tag. Nigel Farrage von der UKIP Partei wollte diesen 23. Juni sogar zum neuen Feiertag für Großbritannien erklären lassen. Und Beatrix von Storch, die etwas ungelenk wirkende AFD-Frontfrau, weinte vor Glück, wie sie meinte.
 
Ja, wie wird es nun weitergehen mit der EU, mit Großbritannien, mit Deutschland und und und...?
Wahnsinn, ein echter Hochkaräter hat sich da aus der EU verabschiedet und wohin steuern wir jetzt?
 
Ich komme natürlich gleich mit der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens! Wenn die Politiker es wirklich ernst meinen, mit ihren Worten, die Bürger wieder mehr anzuhören, die Demokratie zu stärken und die Vorteile eines Europas mehr in den Vordergrund zu rücken, dann wäre die Einführung eines BGE genau der richtige Motor um hier Impulse nach vorn zu setzen. Wird das gelingen? Im Moment ist eher ein sehr regressives Denken in den Köpfen vieler Menschen zu verzeichnen. Zurück zu den alten Zeiten, wo alles noch gut war. Nur wird es diese Zeiten nicht mehr geben. Es war auch nie alles nur gut aber es könnte uns viel besser gehen wenn wir den Mut haben echte Transformationen anzugehen. Die Grundeinkommensbewegung sollte jetzt richtig viel Lärm machen, das wäre vielleicht ein Wachmacher.

So, dieser Eintrag mußte natürlich heute an diesem historischen Tag unbedingt gemacht werden.

Mittwoch, 11. Mai 2016

Die Lange Nacht des Grundeinkommens 2. Mai Theater Basel

Die Lange Nacht des Grundeinkommens am 2. Mai im schweizerischen Basel war nicht die erste Veranstaltung dieser Art aber wieder eine wirklich gelungene Aktion um das Thema Bedingungsloses Grundeinkommen in den Medien nach vorne zu pushen.
Die Schweiz stimmt im nächsten Monat nach dem Einbringen einer Volksinitiative über die Einführung eines Grundeinkommens ab. Im Moment sind die Initiatoren mächtig am Werbung machen, auch ein Tanz der Roboter stand neulich auf dem Programm.
Schon vorab kann man sagen, dass die Schweizer, die dieses Thema auf ihre Agenda gesetzt haben, wirklich sehr motiviert sind und künstlerisch wie auch im diskursiven Austausch wertvolle Akzente in der Medienlandschaft gesetzt haben.

So war auch diese Veranstaltung ein Beispiel gelebter Demokratie und man darf allen Beteiligten, auch denen, die sich explizit gegen ein Bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen haben, dennoch ein Kompliment für diese sehr anregende Diskussion machen. Nur in dieser Art des Austauschs von Argument und Gegenargument kann sich ein realistisches Bild, ein Bild des Machbaren mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen bilden.
Zumal man ehrlicherweise dazusagen muß, dass die Grundeinkommensbefürworter, so mein Eindruck am Veranstaltungsort in der Mehrzahl waren und es zumindest Mut benötigte, sich dieser Mehrheit entgegenzustellen.
Entscheidend ist am Ende doch der Wille eine Idee zu diskutieren und sie mit eigenen Gedanken zu bereichern oder zu entscheiden, diese Idee aufgrund von triftigen Gründen zu hinterfragen.

Die Rahmenbedingungen waren jedenfalls top und die Art der Veranstaltung super organisiert. Angesichts einer langen Zeit von rund 6 Stunden war es auch nötig die Aufmerksamkeit der Zuhörer nicht überzustrapazieren oder zu langweilen.

Nach Langeweile gab es meiner Meinung nach keinen Anlass.
Zugegeben, alles hab ich im Moment noch nicht gesehen, aber ca. 70% der Veranstaltung.
Was ich sagen kann, es hat mir sehr gefallen wie sich die Moderation abgewechselt hat, wie die Veranstaltung in verschiedenen Runden aufgeteilt wurde, immer mit einem thematischen Schwerpunkt, und wie die Art der Diskussion aufgezogen war. Zwei Diskussionspartner standen sich in einem Ring, einem Boxring gegenüber. Dieses Bild war auch bewußt so gewählt worden da es immer um Pro und Contra ging. Ein Moderator stellte die Fragen und die Diskussionspartner antworteten darauf. Als interessanten Zusatz zu den zwei im Ring stehenden gab es die jeweils aus einer Person bestehenden Zwischenrufer, die ausserhalb des Ringes auf einer Extra-Bank Platz nahmen und bei Bedarf ihr Statement einwerfen konnten. Eine tolle Idee, es entwickelte sich dadurch eine sehr dynamische Diskussion.

Besonders hervorheben möchte ich hier v.a. den Moderator der Runden Daniel Binswanger, der sich durch seine wohlformulierende Art ein angenehmes aber doch auch forderndes Diskussionsklima schuf als auch den Künstler W. Strutzenberger, der jede Runde mit einem künstlerischen und auch nachdenklich stimmenden Prolog einleitete. Das Niveau der Veranstaltung erreichte damit wirklich einen sehr gehobenen Standard.

Als Deutscher sei noch ergänzend hinzugefügt, der Schweizer Dialekt in seinen vielen Facetten ist immer wieder Grund zum Schmunzeln für einen Außenstehenden. Das mußte ich jedenfalls immer mal wieder beim Moderator Daniel Binswanger, der so einen rollendes 'R' herausbrachte, das man meinen könnte, er sei ein Amerikaner mit Schweizer Akzent.
Etwas merkwürdig ist auch, dass es mir zumindest oft etwas schwerfällt, den Schweizern so etwas wie ein energisches bis aggressives Auftreten zuzugestehen einfach weil der Dialekt meistens so nach Gemütlichkeit klingt, das ich denke, Schimpfen ist ein Fremdwort für die Schweizer.

Zurück zum Thema. Am Anfang gab es passend zum Austragungsort, dem Theater in Basel, erstmal einen künstlerischen Einstieg ins Thema bevor es dann gleich zu den Hauptfragen ging, die jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt auf die ein oder andere Weise schon gehört hat oder selber gestellt bekommen hat: "Wie ist es finanzierbar?", "Wer geht dann noch arbeiten?", "Kommen dann noch mehr Ausländer / Flüchtlinge zu uns?" und "Werden dann alle anderen Sozialleistungen gestrichen?"

Hierzu kann ich noch nicht viel sagen, da ich nur bei der letzten Frage bisher die Argumente gehört habe. Einen Einwurf der Contra-Seite hatte ich mir notiert, da er für mich interessant klang, nämlich dass die Frage, ob man noch arbeiten würde, wenn man ein BGE hätte, man anders formulieren müsste im Sinne von: 'Würde man noch arbeiten gehen und seinen Nachbarn mitfinanzieren der zu Hause bleibt?' Nun ja, da steckt wohl doch ein Vorurteil dahinter welches so einer Frage eine völlig andere Richtung gibt. Ich glaube nicht, dass man so fragen sollte zumal es ja nicht die Absicht der BGE-Befürworter ist, die Arbeit als solche zu diskreditieren, es geht um einen anderen Ansatz, wie ich meiner Arbeit im Leben begegne.

Diese Problemlage bringt mich gleich dazu, etwas anzuknüpfen. Kritiker könnten nämlich sofort einwenden, ja aber das habt ihr doch selbst gesagt, ihr wollt die Arbeit abschaffen. In der Tat, in einem sehr klugen Prolog sagt Künstler Strutzenberger: "Sozial ist, wer Arbeit abschafft!" Sehr provokante These aber wohl eine Überlegung wert. Sein Beispiel des Müllentsorgens traf es sehr wohl, allerdings ist das halt nur der Müll. Müll ist vielleicht etwas, um das man sich selber kümmern könnte oder sollte. Aber es gibt natürlich jede Menge andere Arbeit, die man eben nicht selber erledigen kann. (Selbst beim Müll kann man letztlich auch nur alles in die passende Tonne hauen, aber den Müll wieder verwertbar machen, das machen dann doch andere). Ich denke, der provokante Satz "Sozial ist, wer Arbeit abschafft!" ist etwas ungenau wenn auch nicht falsch aber eben deshalb eine große Spielwiese für Spekulationen. Man müsste hier schon genauer definieren, was man mit Arbeit meint. Bei meinen Überlegungen stoße ich auf die Schwierigkeit, Arbeit in einem bestimmten historischen Moment zu erfassen, da die Geschichte aber fliessend ist, ist Arbeit, die man gestern hatte heute keine Arbeit mehr weil es anders gelöst wurde.
Der Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter zeigt ja sehr schön wie Arbeit sich verändert hat. Brauchte ich früher sehr viel Konzentration ein Blatt Papier mit der Schreibmaschine korrekt einzutippen so geht das heute viel einfacher mit digitaler Software weil ich meine Eingaben immer und immer wieder korrigieren kann und somit flexibler bin. Man spart Papier, ja auch der Drucker steht heute zu Hause, auch das ging früher nicht, man erledigt also vieles selbst. Insofern hat man Arbeit abgeschafft von einem kollektiven Problem (kollektiv deshalb weil es eher jemanden bedurft hätte, der Schreibmaschine schreiben kann und jemand der drucken kann - so etwas kann man heute individuell zu Hause machen) hin zu einer individuellen Arbeit. Denn nichtsdestotrotz hört Arbeit deshalb nicht auf, sie hat sich nur verschoben. Wenn der Drucker kaputt geht, brauch ich Ersatz, das Einarbeiten in die neue Schreibsoftware erfordert Bücher oder andere Hilfsmittel wenn nicht sogar Menschen, die dies in Workshops vermitteln usw. Also müsste man den Satz letztlich erweitern und sagen: "Sozial ist, wer sinnlos gewordene Arbeit abschafft und sie durch sinnvollere Arbeit ersetzt"! Was sinn- oder sinnlos ist, ist wiederum Bestandteil gesellschaftlicher Diskursdebatten so wie geschehen bei dieser Langen Nacht des Grundeinkommens. Ein Ende der Arbeit jedenfalls propagiert keiner der BGE-Befürworter.

Einen Vorwurf der Contra-Seite zum Thema Arbeit möchte ich noch herausarbeiten, da sich darin viele weitere kleine Problemstellungen ergeben. Es war mal wieder ein typischer Gewerkschafter-Ausspruch, der da kam: "Erwerbsarbeit ist der zentrale Integrationsfaktor in der Gesellschaft" - weshalb man auf Erwerbsarbeit überhaupt nicht verzichten kann und BGE-Befürworter genau diese Integrationsleistung von Erwerbsarbeit für die Gesellschaft ignorieren und damit gerade die Gesellschaft spalten wenn sie die Bedeutung der Erwerbsarbeit schmälern. Ein typischer Vorwurf, der aber so für sich gesehen auch nicht stimmt. Denn Erwerbsarbeit ist immer auch Konkurrenzarbeit, die Arbeit gegen das Konkurrenzunternehmen. Zumindest in der kapitalistischen Gesellschaft. Ist dem so, dann ist die so hoch gelobte Integrationsleistung von Erwerbsarbeit nicht mehr ganz so sonnig, wie man es zunächst glauben mag. Denn Unternehmen interessieren sich in erster Linie am Gewinn, natürlich und sehr oft auch für eine Integration des Unternehmens in das gesellschaftliche Umfeld, aber letztlich ist doch klar, dass viele Unternehmen aus Konkurrenzgründen pleite gegangen sind und die sog. Arbeitnehmer arbeitslos wurden und damit also Erwerbsarbeit nicht per se ein Integrationsfaktor für die Gesellschaft ist sondern nur dann, wenn sie nicht in einem überbordenden Konkurrenzdenken stattfindet.

Darüberhinaus ist Erwerbsarbeit nicht alles. Jetzt wurde dies in der Diskussion auch angesprochen und was sagt der Gewerkschafter dazu: Ja, man müsse auch die anderen Arbeiten, er sprach von informellen Arbeiten genauso als Erwerbsarbeit betrachten und bezahlen!!! Also all die ehrenamtliche Tätigkeit und die Erziehungsarbeit usw. (https://youtu.be/mjdI3LSGa0Y?t=16m57s)
Aber ich glaube, genau das wäre ein Riesenfehler, es wäre die Durchökonomisierung aller Lebenswelten und Bereiche, die es gibt und genau das halte ich für den völlig falschen Denkansatz. Es würde bedeuten im Extremfall zu Ende gedacht, dass jedes Gespräch oder jede Tätigkeit unter Familienangehörigen unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet sein müsste. Ich müsste dafür zahlen, dass mir mein Vater oder Mutter etwas beibringt, Fahrrad fahren beispielsweise usw. Genau weil das ein Ding der Unmöglichkeit ist und auch nicht wirklich gewollt sein kann, ist nur ein BGE hier die richtige Alternative. Ein BGE, das einfach so gegeben wird, dass nicht fragt, wieviel hast Du in die soziale, kulturelle Arbeit zu Deinen Verwandten, Freunden und sonstigen Angehörigen investiert und gegeben weil sich diese Art von Arbeit nicht nach diesen Maßstäben bemessen lässt.

An dieser Aussage von dem Gewerkschafter merkt man eben wie sehr dieser Mensch noch in den traditionellen Denkmustern liegt, das Erwerbsarbeit alles ist und alles rundherum nichts. Das bereits von der KAB entwickelte Modell der Dreiteilung der Arbeit in Erwerbsarbeit, Kulturarbeit und Eigenarbeit ist dringend als Lektüre den Gewerkschaftern zu empfehlen.

Andererseits ist mir dieses Thema schon in einem anderen Zusammenhang aufgefallen, worüber ich nachgedacht hatte, aber letztlich noch keine abschließende Meinung dazu entwickeln konnte. Nämlich in Zusammenhang mit solchen Apps wie Uber, dem Taxiunternehmen. Auch hier wurde nämlich bereits in Presseartikeln angemerkt, dass diese Art von neuer Dienstleistung eine weitere Ökonomisierung des Privaten bedeute, also in Bereiche eindringt, die bisher nicht ökonomisch betrachtet wurden. Trampen ist out, man muß sich in Apps anmelden um eine früher als nette Freundschaftstat geltende Tätigkeit heute als Dienstleistung zu betrachten an den andere verdienen wollen.

Dies bringt mich auch gleich zu dem Punkt, der natürlich auch eine große Rolle bei der Begründung für ein BGE spielte, nämlich die Digitalisierung, Industrie 4.0 usw. All die Stichworte, die eben darauf aufmerksam machen wollen, dass Arbeitsplätze in weitaus höherem Maße als zuvor verloren gehen werden und um das aufzufangen, es eben ein BGE benötigt.
Ja, die zunehmende Technisierung kann man definitiv nicht leugnen und es ist, das sollte man sich auch klar vor Augen führen erst der Anfang. Die digitale Welt ist gerade erst geboren und macht ihre ersten Schritte. Wenn die Entwicklung weitergeht, dann wird es bald ganz neue Welten der Digitalisierung geben, von denen wir heute wahrscheinlich kaum zu denken wagten.

Ein wichtiger Punkt, der auch von der Pro-Seite erwähnt wurde, war die Lernfähigkeit der heutigen Maschinen. Was immer man nun genau unter Lernfähigkeit versteht weiß ich zwar nicht, aber es ist definitiv eines der Grundvoraussetzungen für so etwas wie künstliche Intelligenz. Die ersten Versuche in dieser Richtung scheiterten jeweils an der Unmöglichkeit, dass Maschinen lernfähig waren. Sollten sie es jetzt werden, wäre das in der Tat ein Riesenschritt in Sachen Technisierung.

Aber wie Häni es formulierte, er möchte kein Bedingungsloses Grundeinkommen nur als Konsument.
Das ist in der Tat eine der Vorstellungen, die so gesehen Unwohlsein hervorruft. Stellt Euch vor, man ist umgeben von Maschinen, die einen füttern, pflegen, herumfahren usw. Die einem alles abnehmen, was macht man dann noch als Mensch? Das ist eine Entwicklung, die so nicht passieren dürfte, denn der Mensch schafft sich nicht selbst ab, oder? Ist der Roboter der neue Evolutionsschritt der Natur? Ich kann es mir nicht vorstellen weil ich glaube, dass der Mensch an sich alle Möglichkeiten und Fähigkeiten in sich selbst trägt, so dass er gar keine Maschinen braucht. Aber bis dahin ist es sicher noch ein weiter Weg und Maschinen sind bis dato ein wertvoller Ersatz aber sie können nur einen Teil der Arbeit des Menschen ersetzen, nicht alles. Ja, mehr noch und damit schließt sich der Kreis zum oben genannten erkenntnisprovozierenden Satz "Sozial ist, wer Arbeit abschafft", am Ende wird ein menschliches Miteinander nur dann gelingen, wenn die Menschen sich die Arbeit machen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Eine Maschine kann die gesellschaftlichen Probleme nicht lösen nur zuarbeiten. Wenn eine Maschine doch mehr kann, wäre das vielleicht das Ende der Menschheit, oder?

Interessant in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob die derzeitige technische Entwicklung mit ihren Schlagworten 'Digitale Revolution' oder 'Industrie 4.0' nicht als technische Kompetenz die Voraussetzung schaffen für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Daniel Häni verneint dies zunächst mit einem Verweis auf Andreas Gross und der Aussage, das es heute andere Zugänge zu dieser Idee gäbe aber ich weiß weder auf was er sich genau bei dem Verweis auf Andreas Gross bezieht noch welche Zugänge er genau meint, das macht er auch nicht weiter öffentlich, stattdessen widerspricht er sich eigentlich fast selbst indem er den für mich wesentlich wichtigeren und richtigeren Satz sagt: "Der Sozialstaat war die Antwort auf die Industrialisierung - das BGE die Antwort auf die Digitalisierung" - genau das ist auch mein Ansatz und deshalb ist es vielleicht gerade eben erst in unserer heutigen Zeit mit dem gewaltigen technologischen Quantensprung ins digitale Zeitalter möglich bzw. sogar nötig ein BGE einzuführen.

Andererseits, und das kann man sicher auch als Zweifel im Hinterkopf behalten, wird auch eine Gesellschaft, die so durchtechnisiert ist, irgendwann an ihre Grenzen und inneren Widersprüche stoßen.
Der Widerspruch wird bereits in den Worten von Frau Göhler deutlich, die zu einer Entschleunigung aus ökologischen Gründen mahnt, also im Grunde weniger Wachstum während der Fan von Technologie Richard Eisler ganz enthusiastisch von immer mehr Technologie schwärmt, was sich doch als Gegensatz auftut für mein Empfinden. Eine endgültige Antwort kann es darauf sicher nicht geben, aber Fakt ist, dass die Herstellung von neuen Produkten in Zukunft mehr und mehr durch regenerative Energien erfolgen muß. Und das die Produkte selber umso besser sind umso mehr sie selber wieder regenerativ umgewandelt werden können.

Ein wichtiger Punkt für mich ist, die Einführung eines BGE realistisch zu betrachten. Ich habe bei dem ein oder anderen Befürworter des BGE in diesen Diskussionen noch zu viel Schwärmerei und Idealisierung ausgemacht. Das ist sicher am Anfang einer Idee immer so, das man alles in Rosa sieht, gar keine Frage. Aber zur weiteren Durchsetzung einer Idee kann nur eine kräftige Portion Pragmatismus helfen um von der Idee zur Realität zu kommen. Und das heißt, sich mit den gegebenen Situationen zu arrangieren und daraus schöpferisch neues zu entwickeln, was am Ende aber nicht so toll sein wird wie die Idee im Idealzustand. Es wird immer Kompromisse und Zwänge geben und damit wird aus dem Idealzustand einer Gesellschaft mit BGE immer etwas sehr ernüchterndes, was dann problematisch wird wenn man eben vorher zuviel idealisiert hat. Dann macht sich Enttäuschung breit.

Hierzu ein Beispiel aus der Runde zur Frage der Macht. Die Pro-Seite in Person von Andreas Gross argumentierte, dass der Mensch mit einem BGE mehr Zeit zu Demokratie bzw. zum Nachdenken hat. Dies kann man sicherlich so teilen aber das Bild, was Andreas Gross dabei entwirft, zeichnet eine Gesellschaft, die im heutigen Zustand im Grunde nur aus Unterdrückern und Unterdrückten besteht, was man als Überzeichnung feststellen darf und was auch von der Contra-Seite wenig später so angegriffen wurde. Die Unterdrückten werden dabei idealisiert, in dem Sinne, dass alle Unterdrückten mit einem BGE dann ihre Kreativität und Gestaltungskraft frei zum Wohle der Gesellschaft entfalten könnten weil sie dann endlich die Zeit hätten, die sie jetzt mit Erwerbsarbeit verbringen müssten.
Dies ist natürlich nur ein Idealbild, welches definitiv so nicht in der realen Welt vorkommt.
Außerdem, und das sollte man sich auch vor Augen führen, wird es immer Menschen geben, die sich dafür nicht interessieren oder noch mehr, die dagegen sein werden.
Auch hier kam ein wichtiger Hinweis von der Contra-Seite, nämlich mit Bezug auf die aktuelle politische Lage in der Schweiz um das Erstarken der eher rechtskonservativen bis rechtspopulistischen Parteien würde es keinesfalls nur ein Gewinn sein, wenn solche Kräfte ein Bedingungsloses Grundeinkommen erhielten. Das ist ja auch immer meine Rede, wir dürfen nicht vergessen, das ein BGE mit seinem Punkt der Bedingungslosigkeit für Alle eben auch die trifft, die wir vielleicht grad nicht so toll finden. Das muß man zumindest in seinen Überlegungen mit einkalkulieren. https://youtu.be/6iJZrUVCUQo?t=16m33s

Auf den Einwurf der Contra-Seite, dass sich ein Großteil der Menschen gar nicht für Politik interessiere kam zwar auch richtigerweise der Einwurf der Pro-Seite, das man die Menschen nicht unterschätzen solle, aber so toll diese Bemerkung auch ist, unterschätzen gilt für beide Richtungen sowohl für eine positive Mitgestaltung der Gesellschaft durch Menschen als auch hin zu einer negativen Richtung, in dem Menschen erfüllt von Machtgier und Neid andere Menschen zunehmend unterdrücken. Es gibt halt keine Automatismen, mit einem BGE wird die Gesellschaft nicht auf Knopfdruck besser sondern es bleibt dabei, es erfordert Arbeit an sich selbst und am anderen um die Gesellschaft zusammen zu halten und das BGE realitätsfest zu machen.

Auch das die Einführung des BGE nichts mit Zwang zu tun hätte, ist eine schwache Argumentation seitens der Pro-Seite, die gar nicht nötig gewesen wäre. Es ist so, wie es die Contra-Seite schon angemerkt hatte, am Ende eines Diskussionsprozesses muß eine Entscheidung getroffen werden und diese Entscheidung wird nur im Idealfalle eine Entscheidung sein, die alle Argumente aller Diskutierenden erfüllt. Realistischer ist eher, dass der ein oder andere Kompromiss der Teilnehmenden gemacht werden muß. Das ist erlebter Alltag, jeder wird das bestätigen können wenn es um Entscheidungsprozesse in Gruppen geht. Ob in der Familie oder auf Arbeit, unter Freunden oder im Verein, immer wird man sobald mehr als man selbst da ist, bei Entscheidungen einen gewissen Zwang ausüben weil nicht alle Bedürfnisse aller immer erfüllt sein können. Das ist im Grunde nichts Neues und wird auch heute so in der Politik bei jedweder Gesetzgebung so angewandt. Natürlich wird dann auch ein Grundeinkommen eine gewisse Form des Zwanges beinhalten denn wie schon gesagt, es werden nicht alle für ein Grundeinkommen sein, entscheidend ist nur eine vorher definierte Mehrheit.

In einer weiteren Runde zum Thema Freiheit (Was macht das BGE in Bezug auf Freiheit, ist es mehr oder weniger Freiheit) wurde auf der Pro-Seite in Person von Herrn Muschg das Stichwort Muse immer und immer wieder betont. Sehr wohl ist dieser Punkt wichtig, er könnte mit dem Begriff der Entschleunigung, den Frau Göhler einbrachte korrelieren, dennoch fehlt mir da so ein wenig das Gefühl für die richtige Balance, für das richtige Maß. Zuviel Muße ist letzten Ende ja auch nicht gut, weder für die Einzelperson noch für die Gesellschaft. Denn die gesellschaftliche Arbeit bleibt immer noch als Aufgabe da.
Jedenfalls war in dieser Runde die Abschweifung in idealisierte Zustände sehr stark vorhanden und hier konnte die Contra-Seite am meisten punkten durch die Einschaltung der Realität. Nur die Pro-Argumente von Kovce waren hier ein starkes Gegengewicht. Da zeigte sich dann auch schnell, dass der Intellekt und Pragmatismus der Contra-Seite in Person von Herrn Lüchinger begrenzt ist, er hätte es nämlich nicht verstanden was Herr Kovce gesagt hat, so seine Antwort in den Saal. Es ging dabei um die von Herrn Lüchinger selber benannten konstitutiven Elemente der schweizerischen Gesellschaft, ein starkes Individuum und ein schwacher Staat (schwach im Sinne, dass der Staat nur dann in die Belange des Individuums eingreift wenn es nötig ist). Das diese Elemente aber genauso die Voraussetzungen in einer Gesellschaft MIT BGE sein sollen, das leuchtete ihm nicht ein. Tja, das sollte dann am ehesten Herrn Lüchinger zu denken geben.
 
Was fiel mir sonst noch auf. In der Runde zum Thema Arbeit machte der Herr Minsch von der Contra-Seite eine Rechnung auf, die aufzeigen sollte, dass ein BGE letztlich doch nur so etwas wie eine Art Herdprämie für die Frau sei. Er meinte, angenommen beide würden bisher Teilzeit arbeiten, verdienten jeweils 3500 Franken, also zusammen 7000 würde die Rechnung mit einem Grundeinkommen dann so aussehen: Der Mann geht Vollzeit arbeiten, bekommt also jetzt 7000 Franken alleine (wobei man hier sein Grundeinkommen plus den Lohn zusammenrechnen muß) und die Frau, die nun zu Hause bleibt erhält zusätzlich noch die 2500 Franken Grundeinkommen womit sie unterm Strich 9500 Euro haben, also mehr als vorher. Klingt ja logisch, vergisst aber, dass die Familie noch mehr haben kann wenn die Frau jetzt auch weiterhin Teilzeit arbeitet. Was sie auch tun dürfte. Also dieses Contra-Argument lief für mich völlig ins Leere.
 
Was ein wichtiger Punkt ist, das ist die Frage, wie sich Jugendliche in so einer Situation verhalten werden, was Herr Minsch beiläufig mit erwähnte. Werden sie am Erwerbsarbeitsleben teilhaben oder eben doch eher das Abenteuer und die Freizeit suchen. Hier scheint mir in der Tat am ehesten noch eine Gefahr zu bestehen, dass ein Grundeinkommen in schiefe Bahnen gerät.
 
Am Ende muß klar sein, ein BGE ist eine Art neuer Gesellschaftsvertrag, denn der alte mit der Rente, der ist ja wie wir alle wissen im Grunde gekündigt und nur noch auf dem Papier existent. Das BGE ist ein Vertrauensvorschuss und wird nur dann funktionieren, wenn auch die noch in jugendlichen Jahren voller Tatendrang sich befindliche Generation mit dazu beiträgt. Mehr noch: Die Höhe des Grundeinkommens hängt auch von der Intensität ab, wie sich jeder in die Gesellschaft einbringt. Es ist also wichtig auch für Jugendliche zu wissen, dass sie in einer Gesellschaft mit einem BGE eine Freiheit geniessen, die gleichzeitig ein höheres Maß an Verantwortung mit sich bringt. Diesen Test müssen Jugendliche erst mal bestehen.
Gleichzeitig wäre das BGE sozusagen das Bindemittel, welches die gesamte Gesellschaft als ein Kollektiv zusammenhält. Denn noch mal: die Höhe des BGE hängt von der Beteiligung aller am Wohle der Gesellschaft ab. Das erinnert mich ein bisschen an den Sozialismus, den ich selbst erlebte, aber sollte deshalb nicht gleich in Frage gestellt werden, denn es geht hier um mehr als um Fahnen schwenken und Maidemos mit roten Nelken sondern um ein neues historisches Band zwischen allen Generationen einer Gesellschaft, etwas was sie als Gesellschaft zusammenhält und ihre Identifikation ausmacht.
 
Weiterhin bleibt hängen, dass man nicht vergessen darf, dass die heutigen Gesellschaftsinstrumente wie Rente und Sozialversicherung damals bei ihrer Einführung genauso heiß diskutiert worden waren. Mit wahrscheinlich genau denselben Bedenken wie es heute die Leute von der Contra-Seite sehen. Ein sehr wichtiger Punkt wie ich finde.
 
Als ein schönes Bild in diesem Zusammenhang bleibt mir auch der Vergleich mit der Wasserversorgung im Kopf. Früher traf sich alles am Brunnen, jeder mußte das Wasser daraus holen. Heute hat jeder seinen eigenen Wasseranschluß und die Sorge, dass dies nicht gut gehen könnte weil die Menschen nicht so viel Verantwortung hätten um mit dem Wasser sorgsam umzugehen, hat sich als unbegründet erwiesen. Klar, wir müssen es natürlich auch bezahlen, kostenlos ist es nicht, aber in der Tat, finde ich, ist auch dieser Vorgang ein schöner Beweis dafür, das Eigenverantwortlichkeit niemals eine Gesellschaft in den Ruin treiben kann sondern eher die Saat, die dafür sorgt, dass sich eine Gesellschaft entwickelt.
 
Wie wird es nun weitergehen? Hier fand ich den Realismus der Pro-Seite sehr angenehm. Man gibt sich keinen Illusionen hin und glaubt, bei der Abstimmung am 05. Juni wird man froh sein können, wenn ca. 20 % der Wähler für die Idee des BGE stimmen werden. Das ist realistisch und bewahrt vor Enttäuschungen.
 
Leider muß man, wie ich schon erwähnte, auch in der Schweiz einen massiven Rechtsruck im politischen Spektrum wahrnehmen. Insbesondere die SVP um Roger Köppel hat große Zuläufe und aufgrund der Ansichten dieser Partei ist davon auszugehen, dass es einem Großteil der Schweizer noch an der nötigen Weitsicht fehlen wird, dass ein BGE am Ende besser ist als die Angst vor Ausländern und Europa.
Kleiner Hinweis: Im Spiegel, Ausgabe 7 /2016 war ein interessanter Artikel zur Entwicklung von Roger Köppel zu einem Rechtspopulisten zu lesen. Lesen
 
Wir erleben ja nicht nur in der Schweiz sondern generell in Europa einen Rechtsruck in den Gesellschaften was die politische Richtung angeht. Das liegt insbesondere an der fehlerhaften Konstruktion Europas. Ein Europa, das eher eine Behördenbude gleicht, kann auch nicht allen Ernstes die Aufgaben lösen, die so eine Vereinigung lösen muß. Deshalb befürchte ich erst einmal wieder Katastrophen bis dann alte Strukturen zusammengebrochen sind auf denen dann endlich das freiheitliche Konstrukt einer Gesellschaft mit BGE sich bilden kann.
 
Hier noch einmal die Liste aller derzeit vorhandenen Videos auf Youtube:
 
 
 
 
 
 
 
 
Gesamter Abend (Komplette Aufzeichnung)

Montag, 11. April 2016

Wie man Islamfeindlichkeit nicht ändern kann

Heute (11.04) auf Zeit.de erschien ein Interview mit der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor zum Thema Islamfeindlichkeit in Deutschland.

Die schon in diversen Talk-Shows gewesene Frau Kaddor lässt leider die Chance einer wirklichen Erfassung des Problems Islamfeindlichkeit ungenutzt und wenn man etwas genauer hinguckt ist es sogar fahrlässig wie sie mit dem Problem umgeht.

Es war zunächst eine Stelle, die bei mir sofort die Alarmglocken schrillen liessen.

Die Reporterin Andrea Backhaus stellt ganz zum Schluß folgende Frage:

"Sie fordern eine Begegnung mit Muslimen auf Augenhöhe statt Diskriminierung und Ausgrenzung. Wie soll das gehen?"

Darauf antwortete Frau Kaddor:
"Zunächst einmal, indem man keine Hierarchien aufbaut. Muslime müssen nicht per se irgendwelche Dinge erst noch lernen. In den Debatten, die ich permanent führe, stellt sich öfter dieser Eindruck ein. Da meinen manche, sie kämen von der Aufklärung und Renaissance her, deshalb könnten und müssten sie den Muslimen erst einmal erklären, wie die Dinge hier so laufen.
Wir benötigen eine gemeinsame Basis, um von dort aus gemeinsame Projekte zu verfolgen, etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu diskutieren, Terror und Radikalismus zu bekämpfen, Bildungsprogramme für unsere Kinder zu schaffen."

Anders als Unkenntnis integralen Gedankengutes kann man hier nicht vermuten. Jedenfalls wird wieder einmal das Wörtchen "Hierarchie" verteufelt.
Gegen was sich Frau Kaddor aber wendet ist im allgemeinen als Herrschaftshierachie zu bezeichnen. Dagegen kann man sein, das ist durchaus lohnenswert. Es gibt aber jenseits von Herrschaftshierarchie noch den Begriff der Verwirklichungshierarchie. Ein Begriff, der im integralen Weltbild, dem ich ja zuneige, ein sehr wichtiger Begriff ist, ist doch das Modell des integralen Weltbildes hierarchisch aufgebaut. Es besteht aus Stufen und Ebenen und wenn es um die Entwicklung des Menschen geht, dann finden diese Stufen und Ebenen Anwendung.

Wenn also Frau Kaddor behauptet, man solle keine Hierarchien aufbauen, dann richtet sie sich gegen die natürliche Entwicklung eines Menschen und das ist höchst fahrlässig ja eigentlich unzulässig.
Aus dem Kontext heraus wird ersichtlich, dass sie sich dagegen stellt, das Menschen, hier konkret Muslime noch etwas lernen müssen. Ganz dumm und platt und das ist das eigentliche Problem unserer Zeit!!!
Natürlich müssen Muslime noch etwas lernen! Nur gilt das nicht nur für Muslime allein sondern für alle anderen Menschen auch! Jeder, der sich mit Muslimen beschäftigt und vielleicht Anregungen zur Verwirklichung eines modernen Islam geben will, lernt genauso dazu wie der Muslim.
Sie hat möglicherweise das Bild einer Herrschaftshierarchie im Kopf wenn sie argumentiert, das Muslime nichts per se mehr lernen müssen weil sie innerlich von einem Bild ausgeht, das den Deutschen als Autoritätsperson begreift, die zeigt wo es langgeht und der Schüler MUSS dem gehorchen und alles so machen. Das aber ist nicht das Bild vom natürlichen Lernen. Frau Kaddor ist also selber Opfer ihrer eigenen offensichtlich unbewußten Schülerhaltung geworden.

Mir hat das nur gezeigt, das wir hier noch viel Aufklärung betreiben müssen. Diese Frau hat 2011 eine Integrationsmedaille von der Bundesregierung bekommen. Das zeigt wie wenig wir wirklich über die Probleme wissen. So wie Frau Kaddor jedenfalls löst man keine Islamfeindlichkeit auf. Hier werden die Täter zu Opfern gemacht und das ist das eigentlich Fatale unserer heutigen Zeit!

Hier der Link zum Artikel: Viele Muslime wenden sich innerlich von Deutschland ab